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    Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Jojo am So 08 Jan 2012, 23:24

    Hey ihr Lieben,

    ich habe das Buch zu Weihnachten bekommen und auch so ziemlich sofort gelesen. Ich habe es jetzt schon seit ein paar Tagen durch, musste aber noch einmal etwas drüber nachdenken, bevor ich eine endgültige Meinung dazu haben konnte.

    Mir hat es auf jeden Fall alles in allem sehr gut gefallen. Die Geschichte ist niedlich und total schön.
    Der Schreibstil lässt auch nicht zu wünschen übrig. Es war wirklich angenehm zu lesen.
    Anna, Abel und Micha als Charaktere haben mir auch im großen und ganzen gut gefallen.

    Trotzdem gibt es hier und da ein paar Dinge, die mich doch gestört haben und weshalb ich mir nicht ganz sicher war.

    Erstmal fand ich irgendwie teilweise den Schreibstil ein bisschen zu krass. Er war schön, keine Frage, aber mir persönlich war es dann doch etwas zu viel ausgeschmückt. Man hat vor lauter Bildern manchmal das Gefühl gehabt, die eigentliche Geschichte dahinter rückt vollkommen in den Hintergrund und man hätte auch etwas über einen Hund lesen können, der einen Knochen im Garten vergräbt und hätte es trotzdem faszinierend gefunden, nur weil der Stil eben so krass war.
    Aber so was ist ja irgendwie auch Geschmackssache.

    Dann hat mir eine kleine Sache in der Geschichte nicht so gut gefallen, wodurch leider auch meine Sympathie gegenüber Anna etwas gefallen ist.
    Für alle, die das Buch gelesen haben, hier einmal die Szene:
    Spoiler:
    Ich fand die Szene mit der Vergewaltigung schon irgendwie etwas ... zu krass. Irgendwie war das in meinen Augen überhaupt nicht nachvollziehbar auch nicht, wenn man später die Auflösung von Abel bekommt. Und vor allem, dass Anna ihm so schnell verziehen hat, kann ich überhaupt nicht verstehen. Liebe hin oder her ... Das ist ein schweres Vergehen, was kaum zu entschuldigen ist ...

    Nun ja, diese Sache hat mich wirklich sehr gestört, weshalb es am Ende auch Stern-Abzüge gibt ... Tut mir Leid ^^"

    Aber ansonsten gefällt mir das Buch. Ich kann es auch eigentlich nur empfehlen, einfach weil meine beiden Anmerkungen doch auch auf den Geschmack beruhen und es ja ansonsten durchaus toll gewesen ist. Es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen.

    Von mir gibt's 3,5 von 5 Sternen.

    Liebe Grüße
    Jojo

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Pooly am Mo 09 Jan 2012, 15:14

    Hallo zusammen, hallo Vee,

    danke für die Vorstellung dieses Buches und für die vielen verschiedenen Meinungen dazu. Von dem Buch muss man ja irgendwie schon gehört haben, denn in der Literaturszene wird ja sehr viel darüber gesprochen, zurzeit. Ich muss gestehen, dass es interessant klingt, dass das Buch auch auf meiner Leseliste steht und ich es unbedingt einmal lesen möchte, um mir meine eigene Meinung zu bilden, aber ich werde wohl noch etwas warten. Die Sache ist die, dass man zum größten Teil wirklich nur Lobeshymnen liest (und es ist schön, dass es hier auch einige kritische Stimmen gibt, das freut mich) und ich solcher Hype-Literatur, die alle lieben, immer sehr abgeneigt bin, ich scheue mich irgendwie davor ôo

    Mal sehen, wann ich also dazu komme, es zu lesen :)

    Liebe Grüße,
    Marie


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von SaKi am Mo 09 Jan 2012, 22:44

    Hallo ihr :)

    Ich hatte das Buch heute im Buchladen in der Hand, hatte aber noch nicht in diesen Thread reingeschaut, wie eure Reaktionen so ausgefallen sind, deswegen hab ich es stehenlassen.
    Von dem Buch hab ich schon viel gehört, auch hier im Forum und ich bin auch im Buchladen immer wieder drüber gestolpert. Heut hab ich zum ersten Mal reingelesen und fand es schon interessant.
    Nachdem ich eure Meinungen dazu gelesen habe und auch das Interview mit Antonia Michaelis überflogen hab, sehe ich schon klarer.
    Spoiler:
    Dieser eine Satz mit "Die Gesellschaft scheint Mord eher zu verzeihen als Vergewaltigung" ist mir im Gedächtnis hängen geblieben und das scheint hier auch anzuklingen. Abel ist – wie ich das mitbekommen habe und wie auch aus dem Klappentext herausklingt – ein Mörder und niemand scheint sich daran wirklich zu stören – aber die Vergewaltigung und dass sie verziehen wird, das scheint einige zu stören.

    Ich bin niemand, der gebundene Ausgaben sammelt, weil ich nun mal fast nur Taschenbücher hab und mir 17 Euro auch zu teuer sind für ein Buch ... ich warte also noch ein wenig oder leihe es mir in der Bibliothek, aber ich werde es definitiv lesen. Schon allein, weil ich mir selbst ein Bild machen will von diesem "Bruch" in der Handlung, den ein paar hier empfinden.
    Ihr habt ja alle den Stil und die Geschichte an sich gelobt und ich dachte mir schon, dass es interessant werden würde, als ich das Buch heute mal in der Hand und aufgeschlagen hatte.
    Ich bin nur bei Jugendbüchern mittlerweile vorsichtig geworden, weil ich merke, dass ich aus dem Alter echt rausgewachsen bin und mir die Inhalte der meisten Jugendbüchern überhaupt nicht zusagen. Aber ich hab auch schon früher nicht sooo viele Jugendbücher gelesen, also als ich noch in dem Alter war Very Happy
    Aber ich glaube, Der Märchenerzähler ist durchaus was für mich, zumal hier ja auch gesagt wurde, dass das Buch eher ab 16 oder gar ab 18 einzustufen wäre.

    Ich bin gespannt und hoffe, dass ich es bald lesen kann :) Danke sehr für eure Einschätzungen!


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Falko am Mo 09 Jan 2012, 23:15

    SaKi schrieb:
    Nachdem ich eure Meinungen dazu gelesen habe und auch das Interview mit Antonia Michaelis überflogen hab, sehe ich schon klarer.
    Spoiler:
    Dieser eine Satz mit "Die Gesellschaft scheint Mord eher zu verzeihen als Vergewaltigung" ist mir im Gedächtnis hängen geblieben und das scheint hier auch anzuklingen. Abel ist – wie ich das mitbekommen habe und wie auch aus dem Klappentext herausklingt – ein Mörder und niemand scheint sich daran wirklich zu stören – aber die Vergewaltigung und dass sie verziehen wird, das scheint einige zu stören.


    Das Interview hatte ich ja gepostet und ganz besonders der Satz ist auch mir im Gedächtnis haften geblieben.
    Ich finde das auch faszinierend. Besonders aber auch das, was nach diesem einen Satz kam:
    Spoiler:
    Interessant ist, dass offensichtlich Mord in unserer Gesellschaft leichter verziehen wird als Vergewaltigung. Interessant ist auch, dass diese Gesellschaft ein so großes Problem mit dem Verzeihen an sich hat. Ich bin kein Christ – bin ich, und das ist erstaunlich – dennoch zu christlich geprägt? Der Gott der Bibel verzeiht das schlimmste, dem Mensch sein Menschsein. Auch Anna geht den ganzen Weg, sie verzeiht ebenfalls „das schlimmste“. Und dafür muss sie sich nun von den Lesern mit Matsch bewerfen lassen.

    Ich habe Abel so ziemlich alles verziehen. Aber eben vor dem Hintergrund, dass er zu dem Zeitpunkt schon zutiefst kaputt ist, Märchen und Realität nicht mehr voneinander trennen kann und durch seine Vergangenheit dermaßen traumatisiert ist, dass er in bestimmten Situationen die Kontrolle über sich verliert.
    Wäre er ein ein gesunder, behütet aufgewachsener Teenager, sähe die Sache natürlich anders aus.

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von SaKi am Mo 09 Jan 2012, 23:21

    Ich sehe schon, ich muss dieses Buch ganz bald mal lesen. Was ich aber ziemlich blöd fand, war, dass Antonia in einem Nebensatz einfach das Ende des Buches offenbart hat. Ja, Spoilerwarnung stand drüber, ich wusste durch diesen Thread ja auch schon einiges oder konnte es mir zusammenreimen, aber dass dann da so zu lesen ...... nee, das wusste ich noch nicht und wollte es eigentlich gar nicht wissen – noch nicht.
    Das ist jetzt irgendwie blöd, aber nicht mehr zu ändern (ich hab's ja nicht anders gewollt Very Happy) und so bin ich wenigstens vorgewarnt.

    Und ich bin ein Fan von kaputten Persönlichkeiten in Geschichten. Also wenn sie nicht zu freakig und unrealistisch rüberkommen. Hach <3 Ich denke, ich werde Abel mögen ^^


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Miyann am Di 10 Jan 2012, 07:47

    Huhu Saki,

    ich glaube, ich hätte meine Kritik etwas deutlicher formulieren sollen, ich habe es recht allgemein stehen lassen, um nicht zu spoilern.

    Aber nochmal zu deinem Punkt:

    Spoiler:
    Zum einen ist eine Vergewaltigung und eine Vergewaltigung verzeihen das eine. Etwas anderes ist es, wieder zu dem Vergewaltiger zurückzukehren. Das grenzt doch etwas an Dummheit. Aaaber gut - ihre Hauptperson ist ja ein ach so guter Mensch (ich habe das Interview auch gelesen).
    Bedenken muss man auch, dass die Vergewaltigung in dem Fall ja eine persönlichere Komponente für Anna hat als die Morde an Menschen, die sie ja nicht kennt.
    Dennoch - ich bin allgemein kein Fan von den moralischen Werten, die in dem Buch vermittelt werden. Und so bin ich auch kein Fan vom Ende. Wie es jetzt endet - keine Ahnung, ob ich das spoilern darf, ich lasse es mal lieber.

    Das Buch ist auf jeden Fall sehr kritisch zu betrachten. Man baut unwillkürlich Sympathien zu Abel auf, sollte aber im Hinterkopf behalten, was er getan hat - nicht alles kann man vor dem Hintergrund einer schlechten Kindheit entschuldigen. Man kann es nur begründen.
    Mir hat das Buch gefallen, durchaus, aber irgendwie blieb ein sehr unangenehmes Gefühl zurück, weil Schuldzuweisungen immer schwer sind.


    Das sind so meine Gedanken zu dem Thema. (:

    Liebe Grüße
    Marit

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von SaKi am Di 10 Jan 2012, 11:19

    Ich denke aber, das wollte Frau Michaelis auch erzeugen: Diskussionen rund um das Buch und die darin und in der Wirklichkeit herrschenden Moralvorstellungen. Sicherlich ist es ein Unterschied, ob es einen selbst betrifft oder ob von irgendwem die Rede ist ... das ist ja fern. Aber letztendlich bleibt ein Mord ein Mord und ... das andere eben das andere. Was ich bisher so gehört habe, scheint aber wirklich die Gesellschaft zu treffen. Ich meine, selbst im Gefängnis sind bestimmte Straftäter ganz unten in der Nahrungskette wiederzufinden, auch außerhalb von Gefängnissen werden rein gesellschaftlich (gesetzlich ja nicht) bestimmte Straftaten schärfer verurteilt als andere.

    Ich freu mich aber, dass es augenscheinlich mal wieder eines der wenigen Bücher ist, das Lesevergnügen (stilistisch, inhaltlich) bereitet, aber das man trotzdem diskutieren kann, weil es Stoff dafür bietet.


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Falko am Di 10 Jan 2012, 11:52

    Ohja, Diskussionsstoff bietet das Buch jede Menge ^^

    Ich habe übrigens zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass dem Leser irgendwelche moralischen Werte aufgezwungen werden sollten. Auch in einem anderen Buch von Michaelis (Drachen der Finsternis) nicht.

    Der Märchenerzähler zeigt auf ziemlich drastische Weise unsere heutige Gesellschaft dar, mir kam es so vor, als sei jeder einzelne Charakter das Abbild eines realen Menschen.
    Dabei geht es gar nicht um die Hauptcharaktere selbst, besonders solche wie Frau Ketow oder die unfreundliche Bedienung in der Unimensa, das hat mich so ergriffen.

    Im Übrigen war ich noch nie der Meinung, dass Mord=Mord ist. Nicht umsonst geht die deutsche Justiz auch auf die Motive ein und urteilt auf den Täter bezogen.
    Spoiler:
    Und Abel ist kein kaltblütiger Mörder oder skrupelloser Vergewaltiger und aus seiner schweren Kindheit wurde eine ausgewachsene psychische Störung, dafür kann und will ich ihn nicht verurteilen.

    Ich persönlich hätte Rainer Lierski ziemlich sicher auch erschossen Erröt


    Zuletzt von Falko am Di 10 Jan 2012, 16:34 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von captaincow am Di 10 Jan 2012, 15:19

    Ja, Diskussionsstoff bietet das Buch auf jeden Fall. Und es kommt auch im Endeffekt sehr darauf an, wie man selbst über die Dinge urteilt - und ob man überhaupt urteilen will. Lesen sollte man es, meiner Meinung nach, auf jeden Fall, allein weil es kein substanzloses Buch ist, sondern einige Dinge aufzeigt. Nur ob die einem dann gefallen ist die Frage :)


    Spoiler:
    Die Vergewaltigung und die Morde fand ich schlimm, aber vor allem die Vergewaltigung zu vergeben und zu ihm zurückzukehren - das war etwas, das ich nicht verstehen konnte. Ein Gespräch - okay. Aber plötzlich war es irgendwie wieder alles beim Alten und das konnte ich einfach nicht nachvollziehen. Da war es mir dann am Ende auch klar, dass sie ihm die Morde mehr oder weniger verzeiht.
    Vielleicht hat Michaelis die Reaktionen der Gesellschaft einigermaßen gut demonstriert, aber dass sie dafür einen naiven Menschen als repräsentative Hauptfigur nimmt - das ist dann doch wieder alles andere als realistisch, meiner Meinung nach.

    Zu der Sache mit dem Mord: Ich glaube, sie wird einfach häufiger "vergeben", weil sie in der Literatur viel, viel präsenter ist. In Büchern werden recht häufig Menschen ermordet, ob nun ein "gutes" Motiv dafür existiert oder nicht. Ich glaube, daran gewöhnen sich halt einige Lese und deshalb haben die Morde dann doch weniger Diskussionen erregt.


    Und Abel ist kein kaltblütiger Mörder oder skrupelloser Vergewaltiger und aus seiner schweren Kindheit wurde eine ausgewachsene psychische Störung, dafür kann und will ich ihn nicht verurteilen.


    Hm - das ist aber ein bisschen, wie wenn man Eltern, die ihre Kinder schlagen, nicht verurteilt, weil sie auch geschlagen worden sind und es als etwas Richtiges ansehen. Natürlich ist das problematisch und es ist etwas anderes, als wenn jemand vergewaltigt, weil er einfach machtgeil ist. Aber im Grunde genommen macht er doch dadurch genau mit dem weiter, was ihm angetan worden ist.


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von SaKi am Di 10 Jan 2012, 17:35

    Oh Mann, ich brauche jetzt sofort dieses Buch, ist ja schrecklich, dass ich hier zwar mitdiskutiere(n will), aber mir das Detailwissen fehlt Very Happy
    Wir könnten vielleicht auch einen allgemeinen Thread zu Diskussionswürdigen Themen in der Literatur, den Umgang der Gesellschaft damit und überhaupt den Voraussetzungen dafür, dass ein Thema diskutiert wird.
    Das wäre sicher interessant, auch vor dem Hintergrund anderer Bücher, ob ihr so was gern lest oder selbst schreibt ... ^_^


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Falko am Di 10 Jan 2012, 17:51

    Danke captaincow für die Nachricht, hatte gedacht, den Satz auch in Spoiler gesetzt zu haben, ihn aber wohl doch übersehen Wink

    captaincow schrieb:
    Spoiler:
    Hm - das ist aber ein bisschen, wie wenn man Eltern, die ihre Kinder schlagen, nicht verurteilt, weil sie auch geschlagen worden sind und es als etwas Richtiges ansehen. Natürlich ist das problematisch und es ist etwas anderes, als wenn jemand vergewaltigt, weil er einfach machtgeil ist. Aber im Grunde genommen macht er doch dadurch genau mit dem weiter, was ihm angetan worden ist.


    Spoiler:
    Nur bedingt. In dem Fall hätte er wohl auch Micha ... wie Sören Marinke ihm vorgeworfen hat (in dem Moment konnte ich sehr gut verstehen, warum Abel ihn erschossen hat).
    Das mit Anna ... er hatte in seinem ganzen Leben keine einzige gute Erfahrung mit Sexualität gemacht, wurde erst von Lierski missbraucht und hat sich dann prostituiert, um seine Familie ernährne zu können. Führ ihn war Sex=Gewalt und weil er zu dem Zeitpunkt der Handlung eben schon total kaputt war, konnte er nicht mehr unterscheiden, ob er da nun einen Freier oder Anna vor sich hat.
    Das war nicht gut, das ist auch nicht einfach zu entschuldigen, das sehe ich genauso, aber ich habe Anna in dieser Hinsicht nie als naiv empfunden. Ich weiß nicht, ob ich hätte verzeihen und zu ihm zurückgehen können, aber dazu gehört eine Menge Kraft, die Anna aufgebracht hat. Es wäre nämlich leichter gewesen, Abel nie wieder zu nahe zu kommen, als das Gespräch zu suchen.
    So wurde sie schon vielfach bezeichnet, aber das ist sie nicht. Sie verzeiht Abel ja nicht nur, weil sie ihn ach so sehr liebt, wie viele Frauen das mit ihren Männern tun, wenn sie geschlagen werden, sondern sie begreift einfach die ganzen Hintergründe der Tat. Als Anna ihren Eltern dann die ganze Wahrheit erzählt, heißt es irgendwo "Am Ende wusste jeder alles und alle nichts." oder so ähnlich. Ich weiß noch, dass dieser Satz mich sehr bewegt und beschäftigt hat. Man kann niemals wirklich in den Kopf eines anderen Menschen hineinsehen.
    Dass Anna und Abel am Ende dann doch einvernehmlichen Sex hatten, ging vielleicht etwas zu weit, aber da war die Handlung schon ganz am Ende und ich habe aus jeder Zeile abgrundtiefe Verzweiflung herausgelesen und da wussten beide doch irgendwo tief drinnen, dass ihnen keine Zeit mehr bleibt. Unter anderen Umständen wäre es, glaube ich, nicht so schnell zum Sex gekommen.

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von captaincow am Di 10 Jan 2012, 18:02

    Kein Problem :)

    Spoiler:
    Man kann niemals wirklich in den Kopf eines anderen Menschen hineinsehen.


    Spoiler:
    Das stimmt nun wirklich. Deshalb ist es auch ziemlich schwer in solchen Fällen Beweggründe, usw. zu erkennen.
    Ich meinte mit Annas Naivität auch nicht, dass sie ihn so sehr liebt und deshalb zu ihm zurückkehrt. Dazu gehört schon eine ganze Menge und sie könnte die Augen einfach verschließen und weg rennen. Ich verstehe hier unter Naivität viel mehr, dass sie, als sie zu ihm zurückkehrt, darüber verstummt, mit niemandem darüber redet (wobei das natürlich auch gefährlich für ihn wäre), und trotzdem so offen zu ihm ist. Das konnte ich einfach nicht verstehen, dass es, obwohl etwas passiert ist, trotzdem so wirkt, als wäre alles wieder beim Alten. Das finde ich so merkwürdig.
    Anna ist ja auch nicht dumm, man merkt ja, wie viele Gedanken sie sich macht und dass die Dinge sie einfach nicht loslassen wollen. Aber dass sie Abel so weitermachen lässt... Das ist dann entweder extreme Liebe oder eben Naivität - für mich.
    Aber wie du sagst, man kann den Leuten nicht wirklich in den Kopf schauen und auch wenn man in dem Buch größtenteils aus Annas Sicht liest ist sie trotzdem ein dem Leser in bestimmten Dingen etwas verschlossen bleibender Hauptcharakter.
    Zu der Sexszene am Ende: Die fand ich dann schon wieder ziemlich nachvollziehbar, da waren ja viele Verzweiflungstaten mit dabei.



    Ich kriege grad irgendwie das Gefühl, dass ich das Buch bald nochmal lesen müsste. Vielleicht krieg ich dann eine andere Sicht auf die Dinge oder was weiß ich. Aber ich hab es jemandem geliehen... blöd :/


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von Falko am Di 10 Jan 2012, 18:24

    captaincow schrieb:Ich kriege grad irgendwie das Gefühl, dass ich das Buch bald nochmal lesen müsste. Vielleicht krieg ich dann eine andere Sicht auf die Dinge oder was weiß ich. Aber ich hab es jemandem geliehen... blöd :/

    Ich werde es auch nochmal lesen müssen, habe davor aber ein bisschen Angst ^^"
    Es hat mich schon beim ersten Mal total umgehauen, dass ich tagelang neben der Spur war, da könnte es durchaus sein, dass es beim zweiten Lesen noch viel schlimmer ist, weil man dann sämtliche Andeutungen schon versteht und einfach weiß, was passiert.

    Hab ich hier eigentlich schon erwähnt, was für mich eine der schlimmsten Stellen im Buch war?
    Die Eislaufszene. Die für einen kurzen Moment unbeschwerte Stimmung und die Vorstellung eines Abel, der auf Schlittschuhen daherwackelt und aufs Maul fliegt, war für mich so unwirklich und in gewisser Weise so entsetzlich tragisch Sad

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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von captaincow am Di 10 Jan 2012, 18:40

    @ Falko:

    Ja, mir gehts genauso. Beim ersten Mal lesen war ich zwar irgendwie schon misstrauisch, aber jetzt ist es einfach anders, weil man einiges schon weiß und dann genauer Ausschau hält oder so :/

    Die Eislaufszene. Die für einen kurzen Moment unbeschwerte Stimmung und die Vorstellung eines Abel, der auf Schlittschuhen daherwackelt und aufs Maul fliegt, war für mich so unwirklich und in gewisser Weise so entsetzlich tragisch


    Ja, das war wirklich heftig. Aber ziemlich schlimm fand ich auch die Szene, in der Micha und Abel bei Anna zu Hause sind und Micha sich so wahnsinnig wohl fühlt, während Abel verdammt skeptisch ist.


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    Re: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

    Beitrag von NekoFF am Di 31 Jan 2012, 16:23

    Das Buch ist einfach klasse *-* Die Rezession war sogar der Grund warum ich mich hier angemeldet habe :> Mach ruhig weiter so ist klasse gestaltet x3

      Aktuelles Datum und Uhrzeit: Fr 25 Mai 2012, 16:45