Pooly's Kunst und Schreibforum

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Pooly & Co.

    Tennessee, Vivien, Viktor, Anya || TENNESSEE

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    Lynn
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    Tennessee, Vivien, Viktor, Anya || TENNESSEE

    Beitrag von Lynn am Sa 25 Jun 2011, 11:35



    Anmerkung der Autorin; Eins: Da die Geschichte (noch?) nicht im Forum zu lesen ist, folgt im folgenden Abschnitt eine vage Beschreibung von "Tennessee". Ich kann nicht versprechen, "Tennessee" in nächster Zeit ins Forum zu stellen, da es einige Tabu-Themen thematisiert, die jeglicher FSK böse Blicke zuwirft. Sollte ich doch die etwas harmlosere Schiene fahren, steht dem natürlich nichts im Weg.

    Achtzehn Jahre und am Tiefpunkt des Lebens angekommen - wie eine Gravur zeichnet diese Gewissheit die zerrissene Seele von Anya. Die Welt um sie herum hat an Reiz und Farbe verloren, vergiftet sie mit Tristesse. Das Leben hat ihr Freunde und Familie geraubt und zu einem Mädchen gemacht, das sich selbst als einzige Freundin nicht erträgt. Am Abend ihres Geburtstages betritt ein Mann die staubige Bühne ihres Lebens, der alles verändern soll. Alles.
    Blind vor Liebe zu dem älteren Mann und kindlicher Hoffnung, die von seiner Nähe geweckt wird, zieht sie eine Mauer zu ihrem alten Leben auf; sie begleitet ihn in seine Heimat, einer Geisterstadt, die nahezu ausgestorben ist. Und einst innerhalb eines Monats von den Bewohnern verlassen wurde - die Ursache dafür wird zu einem Geheimnis gemacht, welches vor Anya verborgen wird. Doch die Stadt hat ihren Herzschlag noch nicht verloren: in einem leeren Supermarkt lebt eine kleine Gruppe zusammengewürfelter Menschen. Jeder ein undurchschaubares Mysterium, schwankend zwischen Freund und Feind. Unerwartet schnell wird Anya ein Teil der Gruppe und mit offenen Armen empfangen. Sie wird zur Freundin, zur Geliebten, zur Schwester ... und zur Sklavin.

    Anmerkung der Autorin; Zwei: Fiktiver Zeitpunkt dieser Interviewsequenz: Kurz nachdem Anya in der Geisterstadt namens Tennessee angekommen ist, findet die Polizei die illegal dort hausende Gruppe an Menschen. Somit besteht keine Gefahr bezüglich Spoiler, die den entscheidenden Verlauf der Geschichte und somit das Ende verraten. Wenn eine Frage innerhalb des Interviews einen zu extremen Spoiler darstellen, besteht die Möglichkeit, dass die Charaktere Ihnen eiskalt ins Gesicht lügen (wird im Offtopic gekennzeichnet) oder ein Beamter einschreitet und zur nächsten Frage überleitet. Manches Mal wird die Frage auch einfach nur vage und ungenau beantwortet. Ordinäre und beleidigende Ausdrücke der Charaktere sind Teil der Charaktere und Teil der Geschichte, sollten somit nicht persönlich genommen werden.


    Und was haben Sie mit all dem zu tun?
    Ein Teil der bestehenden Charaktere werden der Presse vorgeführt; man erhofft sich eine Titel-Story von der ungewöhnlichen Ausreißer-Geschichte. Zu Ihrem Unglück wissen Sie so gut wie [i]nichts über den Fall - das verdanken Sie einem Kollegen, der sich intensiv mit der „Akte Tennessee“ beschäftigt hat, aber im letzten Augenblick abgesprungen ist. Er hat Ihnen seine Unterlagen überlassen, die vollkommen unleserlich sind. Einzige Ausnahme ist ein Fax, in welchem berichtet wird, dass nur vier der Gruppe bei der Besprechung anwesend sein werden, die beiden anderen wären ,unpässlich‘. Sie haben keine Ahnung, was darunter zu verstehen ist und langsam ein ungutes Gefühl bei dem Thema, zumal Sie bisher nur alberne Mitleidsgeschichten für Ihre Zeitung verfasst haben. Nun heißt es von ganz oben: Sie sollen die einzelnen Charaktere beleuchten. Leser wären immer an Lebensgeschichten interessiert, nicht an trocknen Erlebnisberichten.
    Daher liegt es nun an Ihnen, so viel wissenswertes aus den anwesenden Personen - und vielleicht auch jenen, die nicht im Raum sind - herauszufinden.[/i] Viel Glück!





    Es ist Freitag Mittag, zwölf Uhr. In dem kleinen, fensterlosen Beratungszimmer des Gerichts herrscht eine unangenehme Hitze. Neben dem drohenden Magenknurren scheint eben dies den anwesenden Reportern - ungefähr fünfzehn Stück, ausgerüstet mit Notizblock und Aufnahmegerät - auf die Laune zu schlagen. Die ersten unzufriedenen Stimmen werden laut, ein Murren erfüllt den Raum wie der Klang eines Bienenstocks. Verächtliche Blicke werden in die Richtung des Tischs geworfen, der hinter einer Absperrung waagrecht zu den Journalisten steht ... und leer ist. Keiner der Angeklagten ist anwesend. Noch nicht. Der angesetzte Termin für die Interviews war auf elf Uhr angesetzt worden. Zu spät. Und wenn Journalisten eines nicht mögen, dann ist das Verspätung und der Geruch einer faulen Geschichte im Raum.
    Bis sich plötzlich eine Tür öffnet und die Stimmung im Raum kippt; aus Zorn wird Neugierde. Aus kindlicher Enttäuschung augenblicklich gezielte Professionalität.
    Zuerst wird die Tür einen Spalt geöffnet, dann hält sie inne. Harrt aus. Die ersten interessierten Köpfe drehen und verrenken sich; man sieht nichts, nur ein dezentes Stimmgewirr auf der anderen Seite der Tür ist zu vernehmen. Nach kurzer Zeit betritt ein bulliger, uniformierter Mann den Raum, der den Journalisten zunickt. Ihm folgen weitere Personen - unübersehbar die Opfer für die journalistische Meute.
    Ein Junge mit schwarzen Haaren, blass, unauffällig und der Blick eines verängstigten Tieres. Eine Frau, Ende zwanzig. Schwarzes, glattes Haar, eine Schicht Schminke und deutliche Desinteresse als Maske über dem eigentlich schönen Gesicht. Gefolgt von einem hochgewachsenem Mann, der einige Jahre älter als sie sein durfte; Drei-Tage-Bart, ungekämmtes, braunes Haar und zwei silberne Handschellen an den schlanken Handgelenken erzählten vom Aufenthaltsort seiner letzten Tage. Als letzte folgt ein junges Mädchen an den Tisch. Sie wirkt mit ihren langen, blonden Haaren jung und unschuldig; deplatziert zwischen den restlichen Festgenommenen. Ihr Blick senkt sich rasch, als ihr die Menge an interessierten Journalisten bewusst wird. Das Unbehagen, das sie beherrscht, ist unübersehbar. Zusammen mit den anderen nimmt sie Platz an dem Tisch. Nachdem drei weitere Polizisten den Raum betreten, kehrt wieder Ruhe ein.
    Kaum fällt die Tür ins Schloss, meldet sich einer der Reporter verstimmt: „Haben Sie keine Namensschilder?“ Die Frage wird wortkarg verneint.
    „Sie können nun anfangen, Ihre Fragen zu stellen - sofern sie nichts mit Namensschildern und dem Kantinenessen zu tun haben“, leitet ein Polizist seufzend das Interview ein und tritt mit seinen Kollegen in den Hintergrund.
    Der Fokus liegt nun auf den vier anwesenden Angeklagten, zwei Plätze sind leer.

    Viel Glück.

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    Re: Tennessee, Vivien, Viktor, Anya || TENNESSEE

    Beitrag von Pooly am Mo 04 Jul 2011, 16:50

    Eine Reporterin aus der vordersten Reihe regt sich, schiebt ihr Brille auf der schweißnassen Nase zurecht und grummelt leise vor sich hin. Die unleserlichen Notizen ihres Kollegen helfen ihr nicht weiter.
    Sie zückt einen Bleistift und, als der Polizist die Menge zum Fragen stellen auffordert, sagt sie laut und deutlich das, was wohl am nächsten liegt.
    "Wie stehen Sie zu den Anschuldigungen, die gegen Sie erhoben wurden?" Sie richtet die Frage an alle vier, da sie die Namen auf ihrem Notizzettel dummerweise nicht entziffern kann.


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    Re: Tennessee, Vivien, Viktor, Anya || TENNESSEE

    Beitrag von Lynn am Mo 04 Jul 2011, 17:34

    Vier angeklagte Augenpaare richten sich auf die Reporterin der ersten Reihe. In jedem Gesicht spiegelt sich eine andere Emotion wieder, ausgelöst durch ein einfaches Wort, das auch nach Verebben des Satzes noch immer in der Luft zu schwirren scheint: Anschuldigungen.
    Die Lippen der schwarzhaarigen Frauen kräuseln sich. Sie hebt die Augenbrauen synchron und amüsiert, nuschelt ein „Das ist doch lächerlich“, ehe sie sich einem Kopfschütteln hingibt. Ihre Interesse verflüchtigt sich wie Rauch in der Luft; sie dreht sich auf ihrem Platz ein Stück um und wendet sich nun an einen der Polizisten. Zuckersüß fragt sie nach Zigaretten und scheint den Raum mit all der neugierigen Interesse gekonnt zu ignorieren. Scheinbar gibt es nichts, wofür sie sich schuldig fühlt. Und die anderen?
    Niemand scheint sich direkt angesprochen zu fühlen. Nervöse Blicke, die das Gesicht der Fragenden nur streifen, im Inneren das eigene Verhalten reflektierend - oder verdrängend.
    Ein Räuspern des blassen Jungen stört die unangenehme Stille, die sich über die Seite der Angeklagten gelegt hat und für einen Moment huscht die Aufmerksamkeit wie eine aufgescheuchte Maus in seine Richtung. Er lehnt sich ein Stück nach vorne, sucht den Blick des blonden Mädchens, die mittlerweile wieder auf ihre eigenen Hände starrt.
    „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“, sagt er schließlich mit fester Stimme in die Richtung der Reporterin. „Ich habe nichts unrechtes getan, dass ich in irgendeiner Art und-“
    „Stufe 1 eines Feiglings: Leugnung“, unterbricht ihn der ältere Mann mit dem Drei-Tage-Bart und lehnt sich auf dem Tisch nach vorne; seine Handschellen kratzen über das Holz, wie das herablassende Lächeln über seine schmalen Lippen. „Du sitzt im gleichen Boot, Viktor, im gleichen Boot. Hör auf, dich als Heiligen aufzuspielen!“
    „Ich habe nichts mit der Scheiße zu tun, die du angestellt hast!“, bellt Viktor zurück, die Hände zu Fäusten geballt. Einen Moment starren die beiden Männer sich nur an. Schweigend. Das Lächeln auf den Lippen des Älteren wird eisig und starr, gleicht einer Maske vollkommener Überlegenheit. Falten graben sich in seine Stirn, als der Mann mit den Handschellen sich zurück gegen seinen Stuhl lehnt. Er steckt sich eine Zigarette in den Mundwinkel, die dort so lose hängt, als würde sie jeden Augenblick herausfallen. „Du solltest froh sein“, merkt er leise und vollkommen ruhig an. „Die Kids sind scharf auf Romane von Verbrechern.“ Worte, die für Viktor bestimmt sind, der mittlerweile - innerlich brodelnd - seinen Blick in die anwesende Menge gerichtet hat, ohne jemanden direkt zu fixieren.

    Ein heiseres Lachen entspringt der Kehle des Mannes, als das Rädchen des Feuerzeugs klirrt und die Flamme sich auf das Ende seiner Zigarette stürzt.
    „Und zu Ihrer Frage ...“, sagt er, ohne die Reporterin in der ersten Reihe anzusehen. „Welche Anschuldigung genau? Illegale Prostitution? Besonders schwerer Fall des Landfriedensbruch? Gefährliche Körperverletzung? Versuchter Totschlag?“ Er hält inne. „Was wird uns noch vorgeworfen?“ Die stechend blauen Augen wandern zu der schwarzhaarigen Frau an seiner Seite, welche sich mittlerweile auch an der Packung Zigaretten bedient.
    „Sachbeschädigung, Erpressung und Menschenraub.“ Teilnahmslos spuckt sie die verlangten Wörter aus. Dann zuckt sie mit den schmalen Schultern. „Den Rest hab‘ ich vergessen.“

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    Re: Tennessee, Vivien, Viktor, Anya || TENNESSEE

    Beitrag von Pooly am Mo 04 Jul 2011, 17:54

    Die Reporterin beobachtet das Geschehen aufmerksam, macht sich mit ihrem Kuli eilige Notizen auf ihr Klemmbrett, während sie gleichzeitig versucht, die Reaktionen aller Befragten genau mitzubekommen und einzuschätzen. Das Zusammenspiel der vorn Sitzenden scheint ihr noch recht undurchschaubar, zumindest aber konnte sie einen Namen ergattern und malt ihn sich groß auf das Blatt, um ihn ja nicht zu vergessen.
    Sofort, als die Antwort anscheinend gegeben ist und niemand mehr etwas zu sagen hat, hebt sie ihren, sieht abwechselnd von der schwarzhaarigen Frau zu dem Mann mit dem Drei-Tage-Bart.
    Bevor auch nur jemand anderes daran denken kann, die nächste Frage zu stellen, hat sie ihren Gedanken schon formuliert.
    "Das klingt ja mehr als gleichgültig", stellt sie überflüssigerweise noch einmal fest. "Gibt es denn einen Grund, der Sie zu all diesen Straftaten veranlasst hat?"


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    Re: Tennessee, Vivien, Viktor, Anya || TENNESSEE

    Beitrag von Baltimore am Di 19 Jul 2011, 09:49

    Ja, die sensationslüsterne Meute wartet auf Antworten. Einzelne Reporter kritzeln schon eifrig in ihre Notizheftchen - fangen auf, was sie kriegen können und packen es ein, das Potenzial der Story scheint immer besser zu werden. So auch ein junger, übereifriger Journalist mit Schweiß, der ihm auf der Oberlippe steht, glatt gekämmtem Haar und in einem Anzug mit Hochwasserhosen. Dies ist sein erstes Interview mit Kriminellen und große Schweißflecken haben sich als Beweis seiner Aufregung unter seinen Achseln gebildet; werden deutlich, als er sich vorbeugt und gespannt auf Antworten wartet und ab und zu mal nickt.
    "Mich würde interessieren", wirft er ein und befeuchtet seine Lippen hastig mit der Zunge, um nicht über die eigenen Worte zu stolpern, "wie Sie zu Ausreißern geworden sind - jeder einzelne von ihnen, meine ich ?"


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