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    Utilitarismus oder Egoismus?

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    Utilitarismus oder Egoismus?

    Beitrag von Tambourine am Mo 30 Jun 2008, 17:51

    Gleich eine Frage, über die mein Freund und ich sehr lange gerätselt haben.^^

    Folgende Beispiele:

    1.Eine Flugbegleiterin wird von den Fluggästen darauf Aufmerksam gemacht, dass ein Gast bei seinem Nickerchen viel zu Laut schnarcht und so die anderen vom Schlafen abhält. Sie müsste ihn also aufwecken, obwohl es sein Recht ist, zu schlafen, bzw. er verstößt gegen kein Verbot.
    Wie würdet ihr euch an ihrer Stelle entscheiden? Für die Mehrheit oder den Einzelnen? Und seid ihr der Meinung, dass mehr Glück, oder mehr glückliche Menschen über dem Glück der Minderheit stehen (Utilitarismus)?

    2. Worauf wir danach gekommen sind: Wie würdet ihr einen Menschen beraten, wenn er sich selbst für andere Menschen opfern sollte? Würdet ihr es ihm Übel nehmen, wenn er sich für sein Leben entscheidet, wenn mehrere Menschen dabei ums Leben kommen? Oder denkt ihr, wie ich, es liegt in seinem eigenen Ermessen?

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    Re: Utilitarismus oder Egoismus?

    Beitrag von Kelly am Mo 30 Jun 2008, 19:20

    Mein Gott, stellst du Fragen! Sehr schwer, fällt mir da mal ein.

    1. Ich würde den Fluggast auf keinen Fall wecken. Diese Situation ist für mich klar, da der Fluggast, wie du schon erwähnt hast, gegen kein Verbot verstößt und die anderen (wenn sie sich ein bisschen bemühen) ganz bestimmt trotzdem schlafen können.

    2. Diese Frage ist wesentlich schwieriger zu beantworten. Ich persönlich glaube, dass der Mensch einen sehr starken Überlebenstrieb hat und sich in einem solchen Fall wohl eher als Egoist erweisen würde. Mir fällt auch kein Beispiel ein, wo jemand, mit dem sicheren Tod vor Augen, sich aufgeopfert hat, bis auf Märtyrer wie Jesus, der (laut Bibel!) wusste, dass er sterben würde.

    Ich denke, es klingt hier alles ein bisschen theoretisch. In der Praxis habe ich eine solche Situation nie erlebt und werde es hoffentlich auch nie erleben müssen. Was ich einem Menschen in der Situation raten würde? Ich habe absolut keine Ahnung. Würde der Mensch "nur" logisch denken, müsste ich diesem eigentlich raten, sich zu opfern, weil der Schaden daraus erheblich kleiner ist, als wenn mehrer zu Tode kommen. Fakt ist, wir Menschen werden auch von Emotionen beherrscht und ich weiß nicht, ob ich in einer solchen Situation in der Lage wäre, nach der Logik zu entscheiden, vor allem, wenn jener Mensch jemand ist, der mir etwas bedeutet.

    Mir ist in der Schule (obwohl man das natürlich keinesfalls vergleichen kann) die Situation untergekommen, wo mehrere aus meiner Klasse gesagt haben: "Lass dich prüfen, du kannst es ohnehin, wir haben es nich geschafft zu lernen." Das war in Geschichte so. Ich tu mich in Geschichte tatsächlich leicht, hatte aber ebenso wenig gelernt wie die anderen. Das Ziel meiner Klassenkoleginnen wäre es gewesen, die Entschuldigung zu behalten (man kann sich einmal pro Semester entschuldigen lassen und kommt also nicht bei mündlichen Prüfungen dran). Hätte ich mich also freiwillig gemeldet, hätten sie ihre Entschuldigung behalten.
    Ich habe mich am Ende dagegen entschieden, weil ich nicht eingesehen habe, warum ich mich für die anderen, die alle (ich sags jetzt mal ganz fies) zu faul zum lernen waren, aufopfern sollte. Am Ende hat es keinen Unterschied gemacht, weil sich die ganze Klasse außer mir entschuldigt hat und folglich ich geprüft wurde. Ich habe mich als gaaanz böse Person erwiesen und die Geschichtelehrerin war eigentlich ganz zufrieden (ich habe eine 10 bekommen Wink bei uns ist das die beste Note).

    Wie hättet ihr euch an meiner Stelle entschieden?

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    Re: Utilitarismus oder Egoismus?

    Beitrag von Lea am Di 01 Jul 2008, 19:39

    zu 1. Ich bin Kellys Meinung. Die anderen können sicher, wenn sie sich ein wenig Mühe geben, auch selber schlafen. Und wenn nicht, warten sie halt bis der Fluggast aufgewacht ist. Und Flüge dauern ja nicht sooo lang..(es sei denn man fliegt jetzt z.B. von DE nach Neuseeland)

    zu 2. Ich kann darüber nur theoretisch nachdenken, da ich noch nie in eine solche Situation gekommen bin. Aber wenn, dann würde ich mich persöhnlich opfern. Hängt aber auch eventuell ab, für wen ich mich opfern soll und warum. Also..eig. kann ich kein direktes Ja oder Nein geben.

    Zu deiner Situation, Kelly (heißt du nicht Marita??) ich hätte es dir nicht übel genommen, wenn ich an der Stelle deiner Klassenkollegen gewesen wäre.
    Aber ob ich mich selber so entschieden hätte..? keine ahnung..^^

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    Re: Utilitarismus oder Egoismus?

    Beitrag von moriazwo am Do 10 Jul 2008, 11:45

    Zur Frage 1 kann ich nur zustimmen: Ich würde den Mann schlafen lassen. Es macht überhaupt keinen Sinn, ihn zu wecken, nur um ihn darauf hinzuweisen, dass er zu laut schnarche - eine Sache, die er überhaupt nicht beeinflussen kann. Nach der Belehrung schläft er dann wieder ein und schnarcht sowieso weiter. Auch bin ich der Meinung, dass die Belästigung für die übrigen Reisenden durchaus vertretbar ist.
    Frage 2 ist schon viel diffizieler. Hier gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur "bauchgesteuerte" Entscheidungen - sehr emotional. Menschen haben einen äußerst ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb, was auch für die Gesamtheit unserer Spezies sicher gut ist - sonst wären wir längst ausgestorben. Triebsteuerung ist niemals logisch. Im Normalfall wird ein Mensch nicht abwägen, wie der Gesamtschaden an der Menschheit beeinflusst wird, wenn er sich entweder rettet oder sich aufopfert - er wird versuchen, sich selbst zu retten. Ich kann das nicht verwerflich finden und unterstütze dabei durchaus die egoistische Linie. Es ist aber auch der andere Fall denkbar, der stets dann auftreten kann, wenn die Liebe zu einem Menschen im Vordergrund steht, entweder zu seinen Kindern oder einem Partner. Dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich das Überleben eines geliebten Menschen höher erachte, als meine eigene Rettung. Wie man allerdings tatsächlich reagiert, wenn man vor dieser - hoffentlich niemals eintretenden - Wahl steht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Man kann seine Reaktion eben nicht auf dem Reißbrett planen.

    @Kelly:
    Meiner Meinung nach hast du dich vollkommen richtig verhalten mit deiner Entscheidung, dich nicht für die Klasse "aufzuopfern". Ich habe das Wort absichtlich in Anführungszeichen gesetzt, denn ich sehe hier keine echte Aufopferung und erst Recht keine Notwendigkeit dazu. Anders herum wird nämlich ein Schuh daraus: Die Klasse hat aus reiner Faulheit heraus darauf gebaut, dich wegen deiner bekanntermaßen guten Leistungen im Fach Geschichte ausnutzen zu können. Es war ihnen doch scheißegal, wie du dich dabei fühlst. Ihnen ging es nur darum, dich zu einem loyalen Verhalten der Masse gegenüber zu zwingen. Eine, aus Sicht der anderen, sogar durchaus verständliches Unterfangen. Sie hatten ja bei diesem Deal nur zu gewinnen. Nun wissen sie, dass sie das nicht mit dir machen können. Der Unmut der anderen, deren Plan nicht aufgegangen ist, wird sich bald wieder verflüchtigen und man wird zur Tagesordnung übergehen. Aber glaube mir, hättest du der Klasse deinen kleinen Finger gereicht - sie hätte immer und immer wieder die ganze Hand gegriffen. Ich kann dich nur dazu beglückwünschen, dass du dich dem Gruppenzwang nicht gebeugt hast!!

    Gruß
    Michael


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    Re: Utilitarismus oder Egoismus?

    Beitrag von Pooly am Do 10 Jul 2008, 17:59

    Zur ersten Frage schließe ich mich meinen Vorrednern an. Ich würde den Mann nicht wecken. Er verstößt gegen kein Verbot und er kann ja nichts dafür, dass er schnarcht. Die anderen sollen sich mal ein bisschen anstrengen, dann können sie auch schlafen.
    Ihr müsstet mal hören, wie mein Papa schnarcht! Das hört man sogar in meinem Zimmer, obwohl 3 Zimmer zwischen ihm und mir liegen ... und meine kleine Schwester und meinen Mama schaffen es auch, da schlafen.

    Zur zweiten Frage: kommt darauf an, für wen ich mich opfern sollte. Wenn es meine besten Freunde wären, dann ja. Wenn es Fremde wären, für dich ich mich opfern sollte ... dann weiß ich nicht, was ich tun solte. Ich meine, wir sind nicht in Hollywood, bei den ganzen Helden und so, die für die Allgemeinheit ihr Leben aufs Spiel setzen und so voll die Märtyrer sind ... aber wer weiß, welche Instinkte in einem erwachen, wenn man sich erst einmal in einer solchen Situation befindet ...?!


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    Re: Utilitarismus oder Egoismus?

    Beitrag von Imaginary am Fr 20 Jan 2012, 21:41

    Dann werd ich einfach mal ein uraltes Thema wieder ausgraben xD

    Bei der ersten Frage würde ich den Fluggast nicht wecken. Dadurch nimmt ja nun niemand wirklich Schaden. Es mag ein wenig nerven, aber na ja, es gibt auf jeden Fall Schlimmeres und ich finde nicht, dass man jemanden wegen sowas nun wecken müsste.

    Die zweite Frage ist da natürlich schon ein ganz anderes Kaliber, ich würde aber sagen, dass man es grundsätzlich niemandem wirklich ehrlich verdenken kann, wenn er sich selbst rettet. Es ist nunmal so, dass der Selbsterhaltungstrieb des Menschen extrem stark ist und dass man in solchen Situationen für gewöhnlich auch gar nicht mehr rational nachdenkt. Was anderes ist es vielleicht, wenn es nun um Menschen geht, die man wirklich liebt, denn da kann ich mir durchaus vorstellen, dass man sich dann doch eventuell opfern. Zu hundert Prozent sagen kann aber letztlich niemand, wie er sich verhalten würde, wenn er in einer solchen Situation wäre.

    Generell ist Utilitarismus generell ein sehr schwieriges Thema. Manchmal halte ich Utilitarismus für ... hm, nennen wir es sinnvoll. Manchmal ist es leider nicht zu vermeiden, dass bestimmte Leute Schaden nehmen und man kann leider nicht immer auf jeden Rücksicht nehmen. Es ist dann aber schon sinnvoll (in meinen Augen jedenfalls), dass es zumindest möglichst vielen Leuten gut gehen sollte. Trotzdem ist es irgendwie ein zweischneidiges Schwert, weil es eben vor allem einigen wichtigen Menschenrechten widerspricht, utilitaristisch zu handeln. Wenn zum Beispiel ein Entführer gefoltert wird, damit man das Leben anderer Leute retten kann (da gab es ja mal diesen Fall mit dem Kind), dann ist das utilitaristisch, widerspricht aber den Menschenrechten.

    Trotzdem halte ich es eben manchmal für sinnvoll. Eine ewige Diskussion, die mir dabei in den Kopf kommt, ist die zum Thema Stammzellenforschung. Ich weiß, dass viele Leute aus ethischen Gründen dagegen sind und ich verstehe es irgendwie - trotzdem wäre ich dafür, dass es erlaubt wird. Wenn es möglich wäre, dadurch irgendwann schwere Krankheiten wie Krebs zu heilen oder dergleichen, dann wäre ich absolut dafür - aber das ist eben die utilitaristische Betrachtungsweise. Das Problem ist nur einfach, dass sich generell beim Utilitarismus (bzw. bei der Frage, in welchen Situationen er vielleicht angebracht wäre) sehr schwer eine Grenze ziehen lässt :/ Und Glück lässt sich eben auch nicht wie in einer mathematischen Gleichung berechnen.

    Um mal ein paar neue Fragen aufzuwerfen (und vielleicht wieder ein bisschen Leben in das Thema hier zu bringen xD):

    1. In welchen Situationen haltet ihr Utilitarismus unter Umständen für angebracht? Oder seid ihr generell völlig dagegen? Wenn ja, warum?

    2. Glaubt ihr, dass ein wirklich utilitaristisches System funktionieren könnte? (Die moralischen Schwierigkeiten seien da jetzt mal dahingestellt xD)

    3. Und eine konkrete Fragestellung, die ein bisschen an eine angelehnt ist, die wir mal im Philosophieunterricht hatten: Angenommen, ihr wärt Staatsoberhaupt eines Landes (oder so) und in eurem Land würde sich ein (oder mehrere) Menschen aufhalten, von denen ein anderes (militärisch übermächtiges) Land verlangt, dass ihr ihn/sie ausliefert - andernfalls wird euer Land angegriffen: Wie würdet ihr entscheiden? Würdet ihr, trotz der moralischen Bedenken, die Person/die Personen ausliefern oder würdet ihr euch dagegen entscheiden und riskieren, dass euer Land angegriffen wird?

    So, mehr fällt mir zu dem Thema gerade nicht ein, aber vielleicht bringt das ja wieder ein bisschen Schwung ins Thema :)


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