
"Wer bin ich?"
Diese Frage stelle ich mir schon seit geraumer Zeit. Nicht "wo bin ich?" oder "was geschieht mit mir?". Dies ist für mich völlig irrelevant. Hier hat nichts eine Bedeutung.
Zeit vergeht. Mal schneller, mal langsamer. Ein richtiges Zeitgefühl habe ich schon lange nicht mehr. Gestern, morgen. Was spielt das schon für eine Rolle, hier in der Dunkelheit.
Drei kalte, glitschige, feuchte Wände und eine schwere, hölzerne Tür mit einem kleinen Gitterfenster umgeben mich. Ich weiß nicht wie lange ich schon darauf warte, dass sich diese Tür öffnet. Wenigstens um nach einen zu sehen.
Jetzt wo ich darüber nachdenke, hab ich hier noch keine richtige Nahrung zu mir genommen. Aber Hunger oder Durst fühle ich nicht. Seltsam. Ein fahler Lichtschein bahnt sich den Weg in mein kleines, bescheidenes Zellenreich. Ich kann noch nicht einmal sagen, ob es Tag oder Nacht ist. Die Sonne habe ich das letzte mal vor einer Ewigkeit gesehen. Mittlerweile ist für mich die Finsternis mein stetiger Begleiter.
Meine Augen werden schwerer. Ich bin müde. Müde von der Einsamkeit. Müde von der Unwissenheit. Müde von der Dunkelheit.
Das Licht vermischt sich mit dem Dunkeln. Stück für Stück. Bis wieder vollkommene Schwärze existiert. Das Licht hat verloren.
Mein Körper bewegt sich nicht. Liege ganz still. Halte meinen Atem an. Kein Ton. Einfach nur ruhig sein. Unbemerkt bleiben.
Warum? Instinkt?
Dumdum...Dumdum...
Still... sei still...
Dumdum...DumDUM
Verräter, sei endlich still!
Dumdum DumDum DUMDUM
Hör auf zu schlagen!
Etwas ertönt aus weiter Ferne und ich weiß, dass es nicht mein verräterisches Herz ist, das mir in den Ohren dröhnt.
Nein, irgendein bedeutungsvollre Klang. Es kommt näher. Wird lauter.
In mir versucht etwas hinauf zu kommen. Erst schleicht es sich vorsichtig heran, zaghaft, doch dann wird es mutiger.
Vorfreude? Auf was?
Aufregung? Warum?
Was ist das für ein Gefühl, das mir nicht erlaubt vor dem Unbekannten weg zu rennen?
Neugier? Vielleicht.
Da! Schon wieder! Ein lauter, dröhnender Ton. Es kommt mir so bekannt vor. Diese Melodie hab ich irgendwo vor langer Zeit schon einmal gehört.
Ein Jagdhorn! Jemand ruft zur Jagd aus.
Jetzt erinnere ich mich wieder.
Ich war jagen. Im Herbst. Wollte für meine Verlobte ein Wild erlegen, welches wir dann gemeinsam beim anschließenden Fest verspeist hätten.
Um mich herum erstreckt sich ein dicht bewachsener Wald. Bäume, Sträucher soweit das Auge reicht und ich stehe mittendrin.
Allein.
Wieso bin ich allein? Wo ist mein treuer Gaul? Wo ist mein Knappe? Wo mein Gefolge?
Ich versuche ihre Namen zu rufen, doch wie hießen sie noch gleich?
Egal.
Irgendwer wird mich schon finden.
Und was wenn nicht?
Es ist vollkommen still, als wäre der Wald tot. Kein Vogel zwischert vergnügt in den Bäumen, kein Wind der durch die Äste weht.
Mein Fuss macht einen Schritt, dann der andere. Ich muss hier raus. Hier findet mich niemand.
Ich laufe einfach gerade aus. Beschleunige meine Schritte.
Verdammte Wurzeln!
Die Bäume versperren mir den Weg. Lasst mich durch!
Irgendwie schlüpfe ich durch enge Lücken, zwischen den Bäumen hindurch. Langsam komme ich vorwärts.
Spitze Äste streifen mein Gesicht. Egal. Nur nach vorne.
Licht! Eine Lichtung!
Nur noch ein Stückchen....
Es ist als ob mich diese Bäume davon abhalten wollen würden dahin zu gelangen. Sie schieben sich vor mich. Aber irgendwie komm ich da schon durch. Stur wie ich bin nehm ich die schmale Lücke vor mir. Ich quetsche mich durch. Einatmen und halten.
Dann stolpere ich. Endlich draußen.
Mein Gesicht ist dem Boden ziemlich nah. Naja, ein paar Kratzer oder Schürfwunden mehr macht jetzt auch nichts mehr aus. Aber der Grund unter mir ist kein Waldboden. Nicht weich, sondern hart wie Stein.
Es sind aber auch keine Steine zu sehen. Wo bin ich?
Erst jetzt nahm ich die Geräusche um mich herum wahr. Gemurmel, dann Klatschen und Gelächter. Dort wo vorher noch der Wald war, stehen Menschen. Seltsam gekleidete Menschen. Einige Frauen tragen Hosen. Manche Männer haben komische Gewänder an. Bin ich auf einem Kostümball der besonderen Art?
Hinter mir führten Narren in bunten Gewändern lustige Kunstsücke auf. Aber auch die sahen anders als die Narren aus, die ich kannte. Die trugen nämlich Narrenkappen.
Immer noch am Boden sitzend, starrte ich mit weit aufgerissenen, verunsicherten Augen die Menschenmenge an. Ein paar von den Schaulustigen betrachteten mich aufmerksam. Manche zeigten mit den Finger auf mich. Jetzt zog ich schon mehr Blicke auf mich. Das Getuschel wird lauter. "Hilfe. Wo bin ich hier?" schoss es mir durch den Kopf und ängstlich, wie ein junger, geschlagener Hund wollte ich zurück weichen. Doch ich bin der Prinz. Was fällt dem gemeinen Volk eigentlich ein ihren Prinzen so anzustarren. Meine Unsicherheit versuchte ich so gut es ging zu unterdrücken, denn ein unsicherer König ist kein starker König. Also stand ich langsam auf. strich meine dunkelblaue Kleidung zurecht und klopfte noch ein bisschen Staub aus meinen Ärmeln. Dann räusperte ich mich und strich meine schwarzen Haare aus dem Gesicht um etwas erhabener, trotz des Walddrecks, zu wirken. Kinn nach oben, Brust raus, Bauch rein.
Eigentlich wollte ich den Pöbel dazu ermahnen sich vor ihrem Prinzen angemessener zu verhalten, doch wozu unnötig Worte vergeuden? Also schritt ich durch das Volk erhobenen Hauptes hindurch. Nur war dieses auch noch so ungehobelt und ließen einen nicht einfach so passieren.
Nein, ich musste mich wieder durchschieben. Das gefiel mir überhaupt nicht. "Wo ist nur meine Leibgarde, wenn man sie braucht?" dachte ich. Wenn man nicht alles selber erledigt. "Macht Platz für euren Prinzen!" rief ich genervt aus und drückte ein paar meinen Ellenbogen in die Nieren. Einige wichen sogar erstaunt zurück, aber die meisten lachten nur. Vielleicht weil sie dachten die Vorstellung ist noch nicht vorbei. Wütend und voller Empörung drückte ich mich durch die letzte Reihe hindurch, wer mir im Weg stand wurde zur Seite geschoben oder angerempelt. Was ihnen lieber war. Doch am Ende angekommen stolperte ich schon wieder. Jemand hat mir ein Bein gestellt. Da bin ich mir sicher.
So eine Demütigung hab ich, glaube ich, noch nie erfahren. Mit einem zornesrotem Gesicht und einem angewiderten Schnauben stand ich auf.







