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    Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

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    Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Kelly am Mo Sep 13, 2010 9:28 pm

    Das Thema ist nicht gerade aktuell - oder aber angesichts der Tibet-, Kosovo-, Palestinenser und Tschetschenienproblematik unterschätzt -, aber ich habe mich entschieden, euch ein kleines Stückchen Land in Norditalien vorzustellen. Warum spricht man in Südtirol (zumindest zum größten Teil) deutsch, obwohl es doch zu Italien gehört?
    Wie oft bei solchen Themen, muss man die Ursachen der gegenwärtigen Lage in der Vergangenheit suchen. Hier also aus meinem Geschichtsgedächtnis heraus für euch ausformuliert Wink :

    Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Südtirol im Ersten Weltkrieg
    Südtirol liegt in Norditalien an der Grenze zu Österreich, genauer gesagt zum österreichischen Bundesland Tirol. Wie man jetzt vielleicht schon aus dem Namen schließen kann, gehörte Südtirol früher zu Österreich. Mit "früher" meine ich die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als das Habsburgerreich noch Bestand hatte.
    Italien verhielt sich zunächst neutral. Dies beruhte auf einem Vertrag mit Österreich und Deutschland. Der Vertrag besagte, dass die drei Mittelmächte einander im Falle eines Angriffs von einer vierten Macht unterstützten. Da aber die Kriegserklärung von Österreich ausging, war Italien nicht zum Eingreifen verpflichtet.
    Dennoch verhandelte Italien gleichzeitig mit den Mittelmächten und der Entente. Mit dem Londoner Geheimvertrag 1915 griff es schließlich auf der Seite der Entente in den Krieg ein. Das Ergebnis war fatal: Obwohl Österreich nun plötzlich eine Front mehr zu verteidigen hatte, gelang es den Italienern nie, die Front zu durchbrechen, was wohl auch an der vorteiligen Lage der Österreicher/Südtiroler lag: Sie konnten das Land von den Bergen herunter verteidigen. Am Ende entschieden dann andere Faktoren über das Schicksal des südlichen Teils Tirols: Die Alliierten gewannen den Krieg mit der Hilfe der USA und wie im Londoner Geheimvertrag festgehalten erhielt Italien Südtirol (und auch das Trentino) als Belohnung. Als die Friedensverträge 1918 schließlich unterschrieben wurden, stand darin auch, dass der Frieden erst 24h nach der Unterzeichnung in Kraft trete. Aufgrund eines Interpretationsfehlers zogen die österreichischen Soldaten aber von der Südfront ab, während die Italiener dies ausnutzten und innerhalb weniger Stunden zahlreiche Gefangene machten.

    Südtirol unter dem Faschismus
    Für die Südtiroler änderte sich im ersten Moment relativ wenig. Sie konnten die meisten grundlegenden Rechte behalten, Sprache, Kultur und Brauchtum blieben unangetastet vom italienischen Staat. Lediglich zwei Stunden Italienisch pro Woche wurden eingeführt. Frustrierend war es natürlich, dass man nun zu Italien gehörte, obwohl man sich im Stellungskrieg an der Südfront doch so tapfer geschlagen hatte.
    Als in Italien aber Mussolini an die Macht kam, das heißt 1922, wendete sich das Blatt. Die Faschisten machten von Anfang an kein Geheimnis daraus, dass sie Südtirol vollständig "italianisieren" wollten. Das bedeutete:
    - Verbot des Gebrauchs der deutschen Sprache
    - Verbot des Namens "Tirol" oder "Südtirol" (das Land hieß von nun an Alto Adige, also Hochetsch)
    - Verbot sämtlicher Bräuche, Traditionen, Trachten usw.
    - Verbot der deutschen Personen-, Flur- und Ortsnamen

    Bis heute wird darüber gestritten, ob die damals erfundenen italienischen Ortsnamen überhaupt noch eine Daseinsberechtigung haben.
    Man kann sich die Dramatik so einer Situaiton wohl nur schwer vorstellen, aber das war noch nicht alles, was die italienischen Machthaber in Südtirol anstellten: In Bozen wurde eine Industriezone aufgebaut, wo nur Arbeit erhielt, wer italienisch sprach. Überhaupt wurden alle Bürgermeister und öffentlichen Angstellten ersetzt, um die Italianisierung voranzutreiben. Nicht einmal in den Familien durfte deutsch gesprochen werden. Nur der Religionsunterricht durfte aufgrund der Lateranverträge (zwischen Mussolini und dem Vatikan) auf deutsch abgehalten werden.
    Jetzt gab es aber Menschen, die es als Schande empfanden, dass ihre Kinder nicht einmal mehr ihre Muttersprache lernen konnten. Also gründeten sie die sogenanneten Katakombenschulen: Im Geheimen wurde den Kindern die deutsche Sprache beigebracht, viele Katakombenlehrer bezahlten ihr Engagement aber mit dem Leben...

    Südtirol und die Option
    1939 wurde es den Faschisten schließlich zu viel: Die Italianisierung dauerte zu lange. Mussolini schloss ein Abkommen mit seinem Verbündeten Adolf Hitler: Wer von den Südtirolern sich der Italianisierung unterwerfen und "Italiener" werden wollte, konnte bleiben, die anderen sollten auswandern ins Deutsche Reich. Man stelle sich nun diese Situation vor: Der Familienvater entscheidet, "Dableiber" und "Optanten" empfanden sich jeweils gegenseitig als "Verräter". Am Ende entschieden sich 86% aller Südtiroler zum Auswandern. Dieses Kapitel, die sogenannte Option, gehört bestimmt zu den dramatischsten Momenten der Südtiroler Geschichte.
    Aufgrund des Zweiten Weltkrieges konnten am Ende viele doch nicht auswandern, aber bis heute gibt es in Deutschland die "Südtiroler Heimatfernen", die nie zurückgekommen sind. Andere wiederum sind nach dem Krieg nach Südtirol zurückgekehrt.

    Südtirol im Zweiten Weltkrieg
    Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Italien zunächst an der Seite Deutschlands. Als Mussolini dann gestürzt wurde und der König die Macht wieder übernahm, marschierte Hitler in Südtirol ein und erklärte das Land zur "Operationszone Alpenvorland". Er musste den Vormarsch der Alliierten von Sizilien in Richtung Norden stoppen. Hitlers Regime in Südtirol forderte in der kurzen Zeit mehr Opfer als der Faschismus seit 1922.

    Südtirol in der Nachkriegszeit

    Nach dem Krieg war die deutsche Sprache in Südtirol wieder erlaubt, jedoch hatten die Südtiroler kein politisches Mitspracherecht. Ein Abkommen zwischen Österreich und Italien hätte dem vorbeugen sollen, doch Italien setzte es nicht richtig um. Die deutschsprachigen Südtiroler hatten in der Region Trentino-Südtirol keine Chance, da die Italiener aus dem Trentino immer in der Überzahl waren. So forderte man das "Los von Trient" zunächst in Protestaktionen, später auch mit Bombenanschlägen auf Strommasten. Die Strommasten galten als Symbol der italienischen Fremdherrschaft, da in Südtirol viel Strom in Wasserkraftwerken produziert wurde, der danach nach Italien hinunter transportiert wurde.

    Die Südtirol-Autonomie
    Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum Abkommen zwischen dem österreichischen Außenminister Karl Gruber und dem italienischen Ministerpräsidenten Alcide Degasperi. Österreich übernahm von da an eine Schutzfunktion für Südtirol: Das heißt, wenn Italien sich nicht an die Bestimmungen hielt, konnte Österreich die Südtirol-Frage vor die UNO bringen und Italien müsste im schlimmsten Fall mit Sanktionen rechnen.
    Die Provinz Bozen, also Südtirol, erhielt (ohne das Trentino) mit dem zweiten Autonomiestatut die Garantie auf ein gewisses Maß an Selbstbestimmung. 1992 reichte Österreich schließlich die Streitbeilegungsurkunde bei der UNO einl. Das bedeutet: Sollte es Probleme geben, wird sich Südtirol an Österreich wenden. Österreich kann dann vor der UNO eine genauere Untersuchung oder gar Änderungen fordern.

    Südtirol heute
    Heute gehört die Südtirol-Autnonomie zu einem Musterbeispiel der Selbstbestimmung. 90% der Steuern bleiben im Land, ein eigener Landtag und eine eigene Landesregierung haben maßgebliche Kompetenzen in fast allen Bereichen, von Raumplanung bis hin zur Energiepolitik. Obwohl es immer wieder Konflikte gibt, leben die drei Sprachgruppen, deutsch, italienisch und ladinisch (das entspricht in etwa dem Rätoromanischen in der Schweiz und wird in zwei Seitentälern gesprochen), doch weitgehend friedlich nebeneinander. Streitpunkte gibt es viele, dennoch finde ich zumindest, ist die Südtirol-Autonomie ein gutes Beispiel, dass ein Zusammenleben verschiedener Völkerschaften und Sprachgruppen auch in Frieden möglich ist. In Südtirol leben etwa 69% Deutschsprachige, schätzungsweise 27% Italiener und 4% Ladiner.
    Wirtschaftlich ist Südtirol ein Musterbeispiel, das muss echt sagen. Die Arbeitslosigkeit beträgt in etwa 3%, der Tourismus ist der wohl bedeutendste Wirtschaftszweig. Bekannt sind vor allem Südtiroler Äpfel, Wein, vielleicht auch die Haflinger, also die Pferde Wink
    Ich könnte noch viel erzählen, aber... a) fürchte ich, es wird langsam zu ausführlich und b) mag ich die Kastelruther Spatzen nicht, auch wenn sie aus Südtirol sind.

    Da ich alles nur aus dem Gedächtnis aufgeschrieben habe, können natürlich Fehler drinnen sein. Vielleicht war das alles jetzt etwas zu ausführlich. Wer sich dennoch die Mühe gemacht hat, das zu lesen, weiß jetzt, warum Südtirol zu Italien gehört.
    lg
    Marita


    Zuletzt von Kelly am Mo Sep 13, 2010 10:18 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Gast am Mo Sep 13, 2010 9:50 pm

    Hallo Marita,
    jetzt ist diese geschichtliche Abhandlung ja doch ziemlich schnell hier aufgetaucht. Ich finde sie sehr schön geschrieben und auch überaus informativ. Sehr interessant, eure Geschichte, das wusste ich alles nicht. Vielleicht sollte Südtirol mehr auf seine Geschichte eingehen, denn so gesehen finde ich es nicht so doll, wenn sich Südtirol als italienisch darstellt, wo es doch nur von den Faschisten in diese Rolle gezwängt wurde. Euch ist viel historisches Unrecht geschehen, aber wie könnte es anders sein, habt ihr das Beste daraus gemacht. Glückwunsch! (:
    Aber warum ist Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder zurück nach Österreich gekommen?

    liebe grüße
    nachtengel
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Pooly am Mo Sep 13, 2010 10:00 pm

    Hallo Marita!

    Wow, wie super! Du warst ja wirklich echt schnell.
    Danke für die ausführliche Vorstellung, das war wirklich sehr interessant und so geschrieben, dass genau das drin war, das man wissen musste, um die Geschichte in groben Zügen zu verstehen, denke ich. Eure Geschichte klingt sehr bewegt und dramatisch. Besonders das hier
    Am Ende entschieden sich zwischen 80 und 90% aller Südtiroler zum Auswandern. Dieses Kapitel, die sogenannte Option, gehört bestimmt zu den dramatischsten Momenten der Südtiroler Geschichte.
    fand ich unglaublich - wie schon gesagt, dramatisch. So eine Entscheidung muss schwer gewesen sein und dass es heutzutage immer noch so viele gibt, die jetzt fern der Heimat leben, ist traurig.
    Aber die Geschichte hatte ein gutes Ende, wie es aussieht - zumindest bis jetzt, Geschichte hat ja bekanntlich kein Ende. :)


    Liebe Grüße
    Marie


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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Kelly am Mo Sep 13, 2010 10:16 pm

    Hey ihr zwei!

    Danke für die schnelle Antwort.
    Naja, ganz so Friede Freude Eierkuchen ist es auch nicht. Es geht uns gut hier, ganz klar. Aber die Engstirnigkeit hier in Südtirol sucht ihresgleichen! Ein so erzkonservatives Land ist sehr selten, und gerade das ist das Komische: drei Sprachgruppen, viel Tourismus. Da kann man es sich nicht leisten so eingeschränkt zu sein. Und dennoch ist es traurige Tatsache.

    @Nachtengel: Südtirol kam nicht zu Österreich zurück, weil die Alliierten das auch nicht wollten. Italien wollte unbedingt die Brennergrenze, mit dem Argument, dass das "böse" Österreich (hat ja den 1. WK angefangen) ja sonst wieder diese wichtigen Stellungen in den Bergen hat.

    @Marie: ja, das ist dramatisch. Also ich habe die Zahl jetzt noch einmal genauer recherchiert, es waren genau 86%, die optierten.

    LG
    Marita
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Mondlicht84 am Di Sep 14, 2010 6:59 am

    Genau das Thema habe ich gestern mit meinem Opa erörtert *schmunzel*. Wir haben im KiGa das Jahresthema: "Wie's früher war ..." und ich habe ihn ein wenig ausgefragt. In diesem Zug hat er mir erzählt, dass es nach dem ersten Weltkrieg bereits Orangen in Deutschland gab. Die kamen natürlich aus Südtirol. Auch am Anfang des zweiten Weltkrieges kamen sie weiterhin zu uns nach Deutschland - dank der Hitler-Mussolini-Freundschaft.

    Wie es dann aber weiterhin mit Südtirol wusste ich noch gar nicht. Vielen Dank für die tolle und spannende Geschichtsstunde. Mich interessiert so etwas immer brennend.

    lg Kerstin
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von moriazwo am Di Sep 14, 2010 8:02 am

    Hallo Marita,

    nein, das war nicht zu ausführlich. Ich habe deine geschichtliche Abhandlung mit großem Interesse in einem Rutsch durchgelesen. Einiges davon war mir ja durchaus bekannt, aber nicht alles. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass man eher geneigt ist, nicht zu weit über den eigenen Tellerrand zu schauen.
    Südtirol hat eine weitaus bewegtere Vergangenheit, als ich bisher geahnt habe. So war mir von der "Option" bisher nichts bekannt.
    Ich werde wohl Einiges, wenn ich in ca 4 Wochen nach Südtirol fahren werde, mit anderen Augen sehen.

    LG Michael
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Kelly am Di Sep 14, 2010 8:15 am

    Hallo ihr zwei!
    Schön, dass ihr die "geschichtliche Abhandlung", um es mal mit Michaels Worten auszudrücken, so schnell gelesen habt. Es ist alles sehr oberflächlich gehalten, und dennoch scheint es mir zu ausführlich Very Happy Aber egal.
    Es freut mich, dass es euch gefallen hat.

    @Michael: Na ja, vielleicht merkt man es als Tourist nicht so sehr, aber die Konflikte zwischen den Sprachgruppen sind doch fast schon allgegenwärtig. In den Städten weniger, auf dem Land mehr. Da Südtirol aber ein Tourismus-Land ist, muss man das irgendwie ein bisschen vertuschen, schon allein weil die meisten Touris aus Italien kommen. Auf jeden Fall beschweren sich die Deutschsprachigen immer, dass die Italiener nicht Deutsch können und die Italiener sagen halt: "Siamo in Italia", also "Wir sind ja in Italien". Auf beiden Seiten fallen harte Worte, wenn es um dieses abgedroschene Problem geht. Allgemein gesehen haben alle Südtiroler das Recht, auf öffentlichen Ämtern ihre Muttersprache zu sprechen (also deutsch oder italienisch; mit ladinisch geht das nicht, da die Sprachgruppe einfach zu klein ist und nicht jeder Beamte wegen zwei Talschaften ladinisch lernen kann). Nur leider wird das allzu selten umgesetzt. Manche Italiener nutzen es dann aus, wenn zum Beispiel ältere Menschen kein gutes Italienisch sprechen. Genauso nutzen aber die Deutschen ihre Sprache aus (oder auch den Dialekt, den wirklich nur sehr wenige Italiener beherrschen), um sich umgekehrt über sie lustig zu machen.

    In meiner Generation ist dieses Verhalten zum Glück nicht mehr so stark ausgeprägt. Es gibt radikale Gruppierungen, die immer noch den Freistaat Südtirol fordern (so ein Quatsch, in meinen Augen), andere wollen Südtirol gleich wieder italianisieren. Ich glaube, ich spreche nicht nur für mich, wenn ich sage, dass es uns in Italien mit unserer Autonomie wahnsinnig gut geht. Wirtschaftlich und auch sozial haben wir Freiheiten, von denen andere Provinzen nur träumen können. Südtirol hat sogar einen eigenen EU-Parlamentarier. Dieses Mandat bleibt auf jeden Fall erhalten, da Italien jeder Region mit Sonderstatut einen solchen Parlamentarier zusichert. Bei Österreich würden wir diese Sonderstellung garantiert verlieren. Was vergangen ist, ist vergangen. Vergessen wird man es wohl nie, aber ich finde, nach so vielen Jahren, sollte man imstande sein, zu vergeben.

    lG
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Sinah am Di Sep 14, 2010 11:11 am

    hart..

    oke, ich habe gewusst, warum Südtirol zu Italien gehört und alles, aber die GANZE Geschichte ist doch um einiges bewegender... oder halt, die oberflächliche, zu lang geratene Version Very Happy

    Das muss ja furchtbar gewesen sein, jedenfalls zu einigen Zeiten und der 'Krieg' ist anscheinend immer noch nicht ganz beendet... Aber wenigstens geht es euch dort unten wieder gut.

    glg Sinah

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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von theo am Di Sep 14, 2010 11:20 pm

    Hallo Kelly,

    danke für die lesenswerte Zusammenfassung einer so bewegten Geschichte.
    Ich bin ja immer wieder fasziniert von den Südtirolern, die ja vom "Volksstamm" zu den Baiern gerechnet wird, weil die Tiroler Sprache ein bairischer Dialekt (wie das Österreichische ja auch) ist.
    Weil der ursprüngliche Dialekt dort vermutlich noch mehr vom aussterben bedroht ist wie hier in D, hat sich ein Südtiroler einst aufgerafft und eine bairische Version der Wikipedia angefangen.
    Wusstest du das?

    Schön ist, dass Europa in gewisser Weise offener wird und dadurch Austausch möglich wird, der durch diese dauernden Kriege lange verhindert worden war.
    Hoffen wir, dass das nie mehr kommt.
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    Re: Südtirol - die Welt zwischen den Sprachgruppen

    Beitrag von Kelly am Mi Sep 15, 2010 10:04 am

    Eine Wikipedia auf Südtirolerisch =D
    Nein, ich wusste nicht, dass es die gibt. Na gut, Asterix und Obelix wurde auf südtirolerisch übersetzt...

    Aber ich halte es für schwachsinnig, ganz ehrlich. Schon allein deshalb, weil ich den Dialekt, der in den Büchern steht, nicht spreche. Der wiedergegebene Dialekt wie er z.B. bei Asterix und Obelix verwendet wird, ist meines Wissens nach der, der um Bozen gesprochen wird. Meiner ist wiederum völlig anders (Pustertaler Dialekt). Das geht soweit, dass die Leute manche Wörter gar nicht kennen, die ich verwende.
    Ich habe jetzt zwei Monate in Bozen gearbeitet und war erstaunt, wie schwer verständlich mein Dialekt für die Leute hier teilweise war. Deshalb hat das Aufschreiben des Dialektes in meinen Augen keinen Sinn.
    Der Dialekt mag zwar ein Teil unserer Identität sein, für den Alltag ist er nur hinderlich. Es heißt immer, Südtiroler können weder richtig deutsch noch richtig italienisch. Ich finde, das trifft es dann doch ziemlich genau. Der Dialekt ist so weit von der Hochsprache entfernt, dass sich die Schüler schwer tun, in der Schule hochdeutsch zu sprechen, weil sie einfach weder Wortschatz noch Grammatik beherrschen. Nur als Beispiel: Wir machen im Dialekt keinen Unterschied zwischen "dem" und "den". Das Umgewöhnen in der Schule ist dann überaus schwierig.

    LG
    Marita

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