Eine interessante These hast du da aufgestellt, da muss ich doch mal direkt fragen, ob es nur ums Überleben gehen soll oder auch darum - wie es alle anderen Tiere auch tun - im Ernstfall sein Territorium zu schützen?
Ich meinte "Überleben" im weitesten Sinne, also alles, was der Sicherung des Überlebens des Individuums und dessen Nachkommen dienlich ist.
Dazu gehört selbstverständlich auch das Schützen des Territoriums und Ähnliches.
Würde diese Geschichte damit enden, dass unser Mensch seinem Nachbarn die Autoreifen zerstochen hat, es aber keine Zeugen dafür gibt, dann hilft uns nur unser Verstand weiter, diesen Sachverhalt aufzuklären.
Was dann also stattfindet, ist das Sammeln von Indizien, auf deren Grundlage wir dann mit Hilfe unseres Verstandes auf den Täter schließen.
Wobei eigentlich Verstand der falsche Begriff ist.
Vielmehr interpretiert unsere
Vernunft nach den Regeln, die ihr der Verstand vorgibt diese Indizien.
Denn der
Verstand ist die Art und Weise, auf die wir die Informationen, die wir durch unsere Sinne aufnehmen,
verstehen.
Nun bleibt die Frage: Weshalb können wir sicher sein, dass wir diese Informationen
richtig verstehen?
Wenn unser Verstand im Laufe der Evolution zufällig entstanden ist (wie auch wir selbst), hätte er dann auch anders aussehen können?
Woher wollen wir wissen, dass wir im obigen Fall die Indizien richtig interpretiert haben?
Ich meine damit nicht, dass wir uns geirrt haben könnten (was natürlich auch möglich ist, da es sich um Indizien und nicht um Beweise handelt); denn sich geirrt zu haben bedeutete, dass der Vernunft ein Fehler unterlaufen sei und sie ohne diesen Fehler zum richtigen Ergebnis gekommen sei.
Ich spreche von einem viel abstrakteren Fehler, der nicht in der Vernunft liegt, die nur den "Mechanismus" zum Ermitteln des Ergebnisses aus den Informationen der Sinne darstellt, sondern in dem Verstand selbst, also den Regeln, nach denen wir diese Sinnesinformationen betrachten.
Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem zufälligen Evolutionsprozess ein Verstand entsteht, der zu Ergebnissen führt, die mit der Wirklichkeit/Wahrheit übereinstimmen, ist ungleich geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass dies nicht der Fall ist.
Das bedeutete, um es mit Nietzsche zu sagen, dass wir im "Absurden" lebten.
Doch hätten wir sodann keine Möglichkeit, zu bemerken, dass dies der Fall ist, denn wenn doch, hätten wir durch unseren Verstand etwas Wahres erkannt, was dieses jedoch widerlegte.
Mit anderen Worten: Wenn jemand mit dem Verstand erkennte, dass wir im Absurden lebten, so wäre diese Erkenntnis paradox.
Und alle anderen Dinge, die wir mittels des Verstandes herausgefunden haben, versuchen wir nach und nach mit Beweisen zu belegen. Man denke nur an die Geschichte, dass die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist. Auch die wurde erst geahnt und dann belegt.
Ich denke, es ist umgekehrt: Für alles, das wir mittels des Verstandes herausfinden (sofern dies überhaupt möglich ist), benötigen wir
zuerst Beweise. Mithilfe des Verstandes werden diese Beweise dann durch die Vernunft interpretiert, indem sie die Wahrheit daraus schließt.
Das gilt zuallererst und eindeutig für mathematische Beweise in denen a priori schon alle Folgerungen in den Axiomen und Bedingungen enthalten sind, aber auch für synthetische Folgerungen, bei denen dies nicht der Fall ist.
Wenn die Vernunft zuerst etwas "ahnt" und dann im Laufe der Zeit belegen oder gar beweisen kann, so geschieht dies per Ausschlussverfahren.
Ein Beispiel: Die Sonne bescheint einen Stein; anschließend erwärmt er sich.
Mit der Vernunft (mithilfe des Verstandes, der Vorstellung und der Erfahrung) lassen sich nun einige Kausalzusammenhänge denken, die dieses Phänomen begründen.
Einige davon seien hier genannt:
1. Der Stein erwärmt sich,
weil die Sonne ihn bescheint.
2. Der Stein erwärmt sich,
weil er sich auf einer heißen Quelle befindet.
3. Der Stein erwärmt sich,
weil seine Substanz von transcendenten Ereignissen beeinflusst wird.
Nun kann die 2. These durch bloßes Überprüfen der Örtlichkeit widerlegt werden; die anderen beiden Thesen hingegen nicht.
Allerdings wird man nach weiterer Beobachtung feststellen, dass der Stein sich
immer und
nur dann erwärmt hat, wenn die Sonne ihn beschien.
Das
erhärtet die These 1, weshalb die Vernunft vorerst diese annehmen wird, es
beweist sie aber weder, noch
widerlegt es die These 3.
Also, ja, unser Verstand kann Wahrheiten begreifen, aber er muss durch Beweise gestützt werden, damit die Wahrheiten auch von anderen erkannt werden können.
Wenn unser Verstand (oder vielmehr unsere Vernunft) Wahrheiten erkennt, ohne durch Beweise gestützt worden zu sein, so kann er sie allenfalls durch Zufall erkannt haben, wobei ich dann nicht das Wort "erkennen" möchte.
Die Vernunft interpretiert Beweise, und kommt somit zu einem Ergebnis; die Frage ist: Entspricht dieses Ergebnis der Wirklichkeit/Wahrheit?
Denn gerade das ist extrem unwahrscheinlich, wenn unser Verstand ein Resultat der Evolution ist.
PS: Um Missverständnisse zu vermeiden, werde ich eine Definition der Begriffe
Vernunft und
Verstand obenan stellen, und die falsche Verwendung in meinen eigenen Beiträgen verbessern.