Hallo zusammen :)
Ich weiß, dass Thema ist schon etwas älter und wahrscheinlich ist auch schon alles dazu gesagt. Aber irgendwie juckt es mich gerade in den Fingern und ich würde gerne meine Meinung dazu äußern.
Ich habe mir all eure Beiträge durchgelesen und finde es interessant, wie die Meinungen hier auseinandergehen.
Ich denke, gerade das Theme "Abtreibung" ist ein sehr heikles und schwieriges Thema.
Bevor ich meinen Standpunkt klar mache, würde ich gerne von einer Begegnung berichten, einem Gespräch in dem genau dieses Thema angesprochen wurde.
Ich habe vor einigen Jahren ein Soziales Jahr gemacht, habe an einem Gymnasium gearbeitet und musste auch zu verschiedenen Seminaren. Beim Mittagessen saßen wir mit unsere Seminarleiterin am Tisch und kamen irgendwie (ich weiß leider wirklich nicht mehr wie wir dorthin geraten sind) auf das Thema Abtreibung.
Einige der Mädchen um mich herum vertraten auch die Ansicht, dass Abtreibung gleichzusetzen ist mit Mord. Meine Seminarleiterin - sehr gläubige Protestantin - saß mir nun genau gegenüber und sagte mir, dass Abtreibung verboten gehört und man ein Kind IMMER irgendwie großziehen kann. Das Gott einem beistehen wird und man auch in jungen Jahren diese schwierige Phase meistern kann.
Ich möchte nicht respektlos erscheinen. Ich verurteile niemanden und ich lasse jedem seinen Glauben. Ich persönlich glaube schließlich auch an etwas. Aber das mir Gott (ich sagte bereits im Schicksal - Thema, dass ich an einen personifizierten Gott nicht glaube) vorschreibt, wie ich mein Leben zu leben habe und das Gott mir bei dieser Entscheidung helfen soll. Das konnte ich irgendwie einfach nicht akzeptieren.
Wir verstrickten uns in einer endlosen Diskussion. Ich erklärte ihr meinen Standpunkt, brachte zig verschiedene Argumente dafür und alles was sie mir zu entgegnen hatte, war immer derselbe Satz: "Wenn du genug Kraft hast und Gott dir helfen lässt, dann kannst du das schaffen!"
So nun also zu meinem Standpunkt, wie ich ihn auch meiner Seminarleiterin erklärt habe.
Wenn ich - zu dem Zeitpunkt war ich 19, hatte zwar Abitur, aber kein Einkommen und keine Ausbildung, nichts - die Nachricht bekommen hätte, dass ich schwanger sei. Mein erster Schritt wäre der Weg zum Arzt gewesen.
So drastisch und furchtbar das in vielen Ohren klingen mag, aber diese Einstellung wird immer meine bleiben.
Einige von euch haben geschrieben, dass der Grund "Einem Kind nichts bieten können" nicht zählt, menschenverachtend sei und inakzeptabel.
Ich möchte euch vor das Szenario stellen:
Eine junge Frau hat mit ihrem Partner Sex, sie verhüten - doch trotzdem geht etwas schief (ja das passiert!). Beide sind gerade mal 18/19 (vielleicht auch noch jünger). Wenn überhaupt haben sie gerade mal ihren Schulabschluss in der Tasche, kein Einkommen, keine Ausbildung. Nichts! Keine Familie die ihnen den Rücken stärkt, keine finanzielle Unterstützung - außer vom Amt vielleicht.
Soll ein Kind in solche Lebensumstände hinein geboren werden?
Wenn ich sage, dass ich ein Kind abtreiben würde, wenn ich genau weiß, dass ich ihm nichts bieten kann, dann meine ich damit nicht, dass ich ihm unbedingt Armani und Dolce kaufen will, damit es ein gutes Leben hat. Aber ein Kind braucht Kleidung (und auch hier meine ich keine Markenklamotten), ein Kind braucht ein Bett, es braucht warme Mahlzeiten. Und wenn ich keinerlei Ausbildung habe, kein eigenes Einkommen und ich die Wahl habe, ob ich meinem Kind so ein Leben ersparen kann. Dann entscheide ich mich dafür es abzutreiben.
Ein Kind kann nicht von Luft und Liebe leben! Und das war auch genau der Punkt, an dem meine Seminarleiterin und ich uns einfach keinen Schritt näher gekommen sind. Sie beharrte darauf, dass jeder junge Mensch eine Familie im Rücken haben muss, die einen finanziell und seelisch unterstützt. In welcher Welt leben wir, dass das wirklich der Fall ist?
Sie beharrte darauf, dass man nur stark genug sein muss, sein Kind nur stark genug lieben muss, damit man es schafft. Aber von Stärke wird mein Kind nicht satt, es wird ihm davon nicht warm, egal wie sehr ich es liebe!
Für viele mutet diese Ansicht wahrscheinlich sehr grotesk an. Menschenverachtend, wie es hier einige geschrieben haben.
Aber ich würde es immer tun, wenn ich genau weiß, dass ich mein Kind nicht ernähren kann, dass ich ihm nichts bieten kann - außer meiner Liebe. Und wenn ich es davor bewahren kann, dann lege ich all meine Liebe in diese Entscheidung und gehe zum Arzt um es abzutreiben.
Um die Wogen zu glätten. Ich bewundere jede junge Frau, ob Teen oder Anfang 20 oder wie alt auch immer, die keine Ausbildung und keine Arbeit hat (und auch alle die etwas in der Tasche haben und trotzdem am Existenzminimum leben), die es schafft ein Kind auf die Welt zu bringen und es großzuziehen. Ich verneige mich vor diesen Frauen und sie bekommen all meinen Respekt. Aber ich weiß von mir selbst, dass ich das seelisch niemals verkraften würde und es niemals vollkommen allein stemmen könnte und genau deswegen würde ich immer wieder einer Abtreibung zustimmen.
Zum Thema Vergewaltigung und Behinderung:
Dazu kann ich nur sagen, dass hat jede Frau und jedes Paar selbst zu entscheiden.
Wenn ich in der tragischen Situation wäre, dass ein Mann mich vergewaltig hätte und daraus eine Schwangerschaft entsteht, dann wäre auch hier der erste Schritt eine Abtreibung. Denn ich könnte es nicht ertragen, dass das Kind mit dem Wissen leben muss, dass es nur existiert, weil ein Mann seine Triebe nicht unter Kontrolle hatte (um das mal sehr böse und überspitzt zu formulieren). Diese Bürde, würde ich meinem Kind niemals auferlegen wollen. Und es dann in ein Heim stecken? Ist das etwa besser? Es mit dem Wissen leben zu lassen, dass es von niemandem gewollt war - nicht von seinem "Vater" (Erzeuger) und nicht von seiner Mutter?!
Auch bei einer Behinderung bin ich ehrlich - ich weiß nicht, ob ich das könnte. Wenn in frühen Wochen bereits klar wäre, dass mein Kind so stark behindert ist, dass es ein Intensivfall wird, dann würde ich es wahrscheinlich abtreiben. Wenn ich weiß, dass mein Kind "lebensfähig" ist, dass es zwar viel Hilfe braucht, aber trotzdem vieles auch allein kann, dann würde ich es behalten.
Da ich noch nie in einer solchen Situation war und hoffe, dass das auch nie passiert, kann ich darüber nicht urteilen. Doch ich werde einen Teufel tun und die Frauen verurteilen, die sich aus guten Gründen dazu entscheiden mussten oder entschieden haben ihr Kind abzutreiben!
Zum Thema Kind oder Zelle:
Für mich ist ein Kind in den ersten Wochen noch kein "richtiges" Lebewesen. Für mich ist es in den ersten Wochen eine kleine Zelle und demnach ist es für mich kein Mord an einem Menschen!
Das Thema ist heikel, brisant und für viele Menschen noch immer ein Tabuthema. Aber ich finde man muss offen darüber reden können und ich bewundere jeden, der seine Meinung hier offen dargelegt hat. Ich möchte nochmal betonen, dass ich niemanden angreifen möchte, ich respektiere jede Meinung die hier vertreten ist - ob nun dafür oder dagegen. Jeder hat seine Gründe, warum er das so sieht und das finde ich vollkommen richtig so.
Doch wenn man mir vorschreibt, was ich zu tun oder zu lassen habe, dann hört auch leider bei mir der Respekt auf! (Damit meine ich die Ansicht meiner Seminarleiterin)
Ein interessantes Thema, vielen Dank an alle für diese interessante und tolle Diskussion.
Liebe Grüße,
Jacky
