Kapitel 1 - Nachtmahr
Mit dunklen Augen, in welchen längst das Feuer der Lebenslust erloschen war, beobachtete er das schauerliche Szenarium, das sich ihm bot. Die Lider halb geschlossen und den Geschmack von Blut auf der Zunge – bitter und süß zugleich. Ein Geschmack, der sein ganzes Leben bis zu dieser Sekunde, bis zu diesem Herzschlag hätte beschreiben können. Jeder Atemzug, der schwer über seine Lippen kroch, konnte sein letzter sein, denn innerlich fühlte er sich längst tot. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch sein Körper dies verstanden hätte.
Erschöpft hob er den Kopf ein Stück, um die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung besser zu betrachten. Wieso eigentlich? Dieses grausame Schauspiel bot sich ihm jeden Tag. Mittlerweile verspürte er nicht einmal mehr Wut – Gefühle waren längst zu stummen Zeugen geworden. Und dennoch fühlte er den Drang, als das zu sehen, um sich selbst zu überzeugen, dass es ein Teil der Realität war. Der grausamen Realität. Abend für Abend.
Nur wenige Meter entfernt von ihm, erstreckte sich eine Tafel aus dunklem Holz von einem Ende des Raums zum anderen. All die Dinge, von denen ein Mensch sich erträumte, sie dem eigenem Gaumen vorzusetzen, hatten auf dem Tisch Platz gefunden: hohe Torten und Kuchen, deren süßlicher, frischer Duft die Luft schwängerte. Ein Teller, auf dem Gänsekeulen gestapelt waren, verlockte zum Träumen. Schalen mit den buntesten Früchten aus fernen Ländern, deren Namen er nicht einmal kannte. Ein gebratenes Schwein, in dessen Maul ein Apfel prangte, lag dampfend auf einem silbernen Tablett, umgeben von frischem Salat, der in den kräftigsten Farben strahlte.
Alleine von der Vielzahl der Gerüche in der Luft konnte man seinen Hunger stillen – denn dies war der einzige Weg, seinen Magen zum Schweigen zu bringen.
Und obwohl die Tafel etlichen Menschen Platz geboten hätte, waren nur zwei Stühle besetzt.
Zum rechten Ende der Tischplatte saß eine ältere Dame, deren schwarzes Haar sich wie Pech über ihren Rücken ergoss. Ihr Mund war zu einer grässlichen Fratze verzogen und aus ihrer Kehle drang ein nicht enden wollendes Lachen voll Spott und Arroganz. Die Dame, die seine Stiefmutter war, streckte ihre krallenähnlichen Finger nach den Weintrauben aus. Mit den Fingerspitzen umfasste sie eine grünen Perle nach der anderen und schob sie sich so begierig zwischen die Lippen, dass Speichel aus ihren Mundwinkeln lief. Sie schmatzte laut und genüsslich, unterbrach dies nur, um erneut aufzulachen. Ekel ließ ihn erschaudern, als er sah, wie sich kleine Reste der Frucht dabei aus ihrem Mund stahlen und auf das restliche Essen fielen.
Ihr gegenüber rutschte ein junges Mädchen, unruhig vor Gier, auf dem Stuhl hin und her. Die dicken Hände griffen nach jedem Teller Kuchen, den sie erreichen konnten, um das Gebäck schnell zu vernichten. Völlerei war das Übel, dem sie sich hingab, dachte er verbittert und bemerkte, wie sein Mund trocken wurde. Der Hunger nagte in ihm, wurde von Stunde zu Stunde unerträglicher. Einem Monster gleich, das seine Eingeweide zerfetzte und ihm unvorstellbare Schmerzen bereitete.
Nur noch kurz betrachtete er die Tochter der Stiefmutter, die ihren Mund mit Torte füllte, denn ihr Anblick lehrte ihn das Fürchten. Sie war hässlich, die Haut von Furunkeln übersät und ihre Augen schienen jeden Moment aus ihrem Gesicht zu fallen. Zudem schielte sie schrecklich, so dass ein Auge in die Richtung ihrer Mutter stierte, während das andere ihm zugewandt war. Ihre Lippen wirkten wie rohe Fleischstreifen unterschiedlichster Größe und versteckten zwei Reihen Zähne, von denen jeder in eine andere Richtung blickte. Unter jeder ihrer Bewegungen ächzte der Stuhl und auch der Tisch schien unter ihrem Gewicht zu leiden, wann immer sie sich abstützte, um eine weiteren Teller zu sich zu ziehen.
Es war letztendlich die Stiefmutter, die die Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkte:
»Iwan, willst du nicht auch ein Stück davon kosten?«
Vom Hunger erschöpft, ließ er den Blick langsam zum anderen Ende der Tafel schweifen. Dort saß die Stiefmutter mit überkreuzten Beinen und funkelte ihn aus gefühlskalten Augen an. Ein spöttisches Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel, während sie mit ihrer rechten Hand eine der Gänsekeulen ergriff. Würde sie sich das erste Mal menschlich zeigen? Wäre sie gütig?
Alleine beim Anblick der Keule verkrampfte sich sein Magen; einzig und allein der Hunger hielt ihn am Leben. Der Hunger und die Liebe zu seiner Schwester ...
Er versuchte seine trockenen Lippen mit der Zungenspitze zu befeuchten, doch auch jene, wie er bemerkte, war vollkommen ausgedörrt.
Die Stiefmutter beugte sich über die Lehne ihres Stuhls und wedelte mit der Gänsekeule.
»Iwan, willst du nicht auch ein Stück davon kosten?«, wiederholte sie ihre Frage und wechselte einen Blick mit ihrer Tochter, die ein grunzendes Lachen von sich gab. Es war ihm gleich, dass sie sich einen Spaß daraus machten, dass er in ihren Augen nichts wert war. Alles war ihm in diesem Moment vollkommen egal – solange er seinen Hunger stillen konnte!
»Ja, liebe Stiefmutter ...«, stammelte er mit rissigen Lippen und blutunterlaufenen Augen. »Ich will ein Stück davon kosten.«
»So sei es«, sagte die Dame lächelnd und genoss sichtlich den verzweifelten Blick des Jungen. Mit einer abfälligen Handbewegung schleuderte sie die Gänsekeule ein kleines Stück von sich.
Es war der Hunger, der ihn nach vorne springen ließ. Es war der Hunger, der all seine Gedanken zum Schweigen brachte. Es war der Hunger, der ihm für einen kurzen Moment Hoffnung schenkte.
Doch es war die Realität, die ihn auf den kalten Boden seines Lebens zurückholte.
Der Junge, Iwan nannte man ihn, hatte sich von der Wand, an der er gesessen hatte, abgestoßen und war nach vorne gestürmt, die Hände nach der fallenden Gänsekeule ausgestreckt. Doch nur wenige Zentimeter entfernt – seine Fingerspitzen meinten bereits die Wärme des köstlichen Fleisches gespürt zu haben – riss ihn etwas zurück. Hielt ihn fern.
Kurz vor der Gänsekeule hörte er das Klirren der Ketten, doch vielmehr spürte er es: die eiserne Fessel, die man um seinen Hals angebracht hatte, schnürte ihm bei dieser abrupten Bewegung die Luft ab. Er riss den Mund auf und schnappte nach Luft, meinte zu ersticken, während das Gelächter der beiden Frauen wieder anschwoll.
Iwan fiel zuerst auf die Knie und sackte dann vollkommen in sich zusammen. Er spürte den kalten Boden an seiner Wange, als er die zitternden Hände unter die Fessel schob und die Luft stoßweise einsog. Sein Körper erholte sich nur langsam wieder von dem Schock, die Lungen füllten sich mit Luft – doch der Schmerz in seinem Magen blieb.
Er hörte, wie eine der beiden johlend mit der flachen Hand auf den Tisch schlug – so amüsant fand sie das kleine Spiel - während er seine eisigen Hände gegen die brennende Haut an seinem Hals presste. Zusammengekauert lag er auf den Fliesen des Speisezimmers, angekettet wie ein Sklave und nur das Gelächter seiner verhassten Verwandtschaft war ihm gegönnt.
Mit trüben Augen beobachtete er wie der kleine Hund der Stiefmutter, mit der Gänsekeule im Maul davonlief. Selbst er schien ihn zu verspotten ...
»Ach, Iwan! Möchtest du vielleicht auch ein Stück von dieser Torte?«, kicherte seine Stiefschwester hinter seinem Rücken, doch der Junge rührte sich keinen Zentimeter. Starr blickte er in die Richtung des Köters, wobei sich sein Atem langsam verlangsamte. Doch seine Augen füllten sich langsam mit Tränen, die zu mächtig waren, um sie einzusperren.
Es war nicht der Anblick des dicken Hundes, wie er das Fleisch von der Keule zog, der ihm das salzige Wasser in die Augen trieb – nein, es war die Erinnerung an damals. An eine Zeit, wo er mit seinen Eltern und seiner Schwester in dieser Halle gespeist hatte. Was hatten sie gelacht, sich amüsiert! Stets hatte seine Mutter, seine geliebte Mutter, ein Lied auf den Lippen gehabt, das der Schwester ein Lachen entlockt hatte. Und die Augen seines Vaters hatten wie Sterne gefunkelt, wenn er seine kleine Familie betrachtet hatte. Was war nur passiert? Wieso hatte sich ein Traum in einen Nachtmahr verwandelt? Wieso war das schöne Leben durch den Tod der Mutter zu einem Scherbenhaufen geworden, welche sich täglich in sein Fleisch schnitten?
»Mein lieber Iwan, möchtest du diesen schönen Apfel? Wie saftig er wirkt ... und so rot!«, gluckste die Stiefmutter, doch der Junge lauschte ihren Worten längst nicht mehr.
Als er spürte, wie sein Herz blutete und sein Körper vor Schwäche taub wurde, wurde alles um ihn herum schwarz und das Gelächter verwandelte sich in ein schwaches Geräusch in der Ferne ...
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*hibbel* oo
Zuletzt von Lynn am Do 09 Jul 2009, 12:05 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet