Kapitel 2 – Begegnung
„Gwendolyn, hast du den Verstand verloren? Dein Bus fährt in ein paar Minuten!!“
Ich lag noch im völligen Tiefschlaf als die schrille Stimme meiner Schwester mich aus den Träumen riss.
Kerzengerade saß ich im Bett, als ihr wutentbranntes Gesicht klarer wurde.
„Wenn du dich nicht gleich erhebst landet der nasse Waschlappen in deinem Gesicht, Fräulein Adams.“ Mit diesen Worten verließ Helena das Zimmer und knallte hart die Tür zu.
Das Licht der schon am Himmel stehenden Sonne erhellte das Zimmer. Durch die riesigen Fenster blendeten die Strahlen unangenehm und kitzelten meine Nase. Seufzend lies ich mich ein letztes Mal in die Kissen fallen, bis mein Blick den Wecker traf. Die roten Zahlen warfen mir fast schon vorwerfend die Zeit entgegen: 7:45 Uhr. Verdammt!
'In 10 Minuten kommt der verdammte Bus!!'
Ich schlug die Decke bei Seite und fiel prompt aus dem Bett. Typisch! Kriechend suchte ich in meinem unaufgeräumten Zimmer nach einem paar Socken und der verfluchten Schulkleidung. Alles lag zusammengeknüllt unter dem Bett und hatte dringend eine Runde Bügeln nötig.
Genervt zog ich das Bündel hervor und quetschte mich wieder willig hinein. Wie erwartet warf der Stoff unansehliche Falten über der weißen Bluse. Die rote Schleife am Kragen war nicht richtig zusammengebunden. Das war wieder typisch Ich. Das Chaos in Person, doch das kannte alle anderen sehr gut von mir.
Blitzschnell stürmte ich in das noch weniger aufgeräumte Badezimmer. Überall stapelten sich Bücher und Manuskripte. Hier fehlte eindeutig der Mann im Haus, der einfach nur ein Bücherarzt, doch die waren Helena viel zu teuer geworden.
Eilig kontrollierte ich mein Spiegelbild, fuhr mit der Bürste durch meine langen schwarzen Haare und schmiss eine Hand voll Wasser in mein vom Schlaf zerknittertes Gesicht. Verdammt, ich sah wirklich übermüdet aus!
Noch mit der Zahnbürste im Mund stolperte ich die Treppe herunter und pfefferte meine Schultasche in den Flur, um in einem Affenzahn in die Küche zu rennen und mein Pausenbrot zu holen.
Helena saß am überfüllten Tisch und durchblätterte einige Akten. Missbilligend musterte sie mich über den Rand ihrer Lesebrille hinaus und rief mir noch hinterher: „Wann hast du heute Schulschluss? Ich bin ab 16 Uhr außer Haus.“
Ich hatte die Haustür schon fast zugeschlagen als ich die Frage hörte und schrie entnervt: „15 Uhr!! Bis später.“, dann stürmte ich los.
Unser Haus musste ja auf einem Hügel mitten in den brach liegenden Getreidefeldern liegen und ein paar Minuten von der Bushaltestelle weg.
Ich legte einen rasenden Sprint ein und erwischte das Fahrzeug gerade als es die Türen schloss. Erleichtert kletterte ich hinein und erhielt eine Standpauke vom Fahrer, was jedoch nichts neues war und von den anderen Schülern nicht mit Spott gestraft wurde. Im Gegenteil, ich wurde herzlichst begrüßt.
Für mein Talent immer und überall in Schwierigkeiten zu geraten war ich zu meiner eigenen Überraschung ziemlich berühmt.
Ich wurde je aus meinen Gedanken gerissen als der Bus mit Vollgas los fuhr und ich nach hinten geschleudert wurde. Glimmend richteten sich meine hasserfüllten Augen auf den Busfahrer, doch dann wurde ich auch schon auf einen Platz gezogen.
„Morgen Gwen. Du siehst ein bisschen... gehetzt aus heute morgen. Hat Hell dich wieder gnadenlos aus dem Bett geschmissen?“, kicherte meine beste Freundin Teena und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Ich verdrehte nur übertrieben die Augen und nickte.
Die Busfahrt war wie jeden morgen. Der Fahrer hupte und schrie mit anderen Autofahrern auf der Straße um die Wette und ein paar kleinen Kindern wurde schlecht. Teena plapperte munter drauf los, während ich nur den Kopf auf die Handfläche stützte und den an uns vorbei sausenden Dingen zu sah.
Wie einer dieser quälend langweiligen Tage lag vor mir. Wir würden uns durch drei Stunden Mathe, zwei Geschichts- und nochmal drei Chemiestunden kämpfen. Teena käme wie jeden Montag nach der Schule mit zu mir und wir hätten mit den Hausaufgaben und meiner tobsüchtigen Schwester zu tun, die telefonisch in ihrem Arbeitszimmer irgend eine arme Seele zusammenschreien und demütigen würde.
Ein ganz normaler Tag in meinem Leben also. So dachte ich zumindest, bis der Busfahrer die provisorische Vollbremsung vor der Schule hinlegte und wir aufstanden und uns durchs Gedränge quetschten.
Eine komische Atmosphäre lag in der Luft und auch wenn es Sommer war, die Luft war viel zu heiß. Ich wischte mir die Schweißperlen von der Stirn und wurde von Teena in den Schatten der großen Schule gezogen.
Ich fragte mich jedes Mal aufs Neue wie es sich Helena leisten konnte mich auf diese protzige Privatschule zu schicken. Sie glich eher einem riesigen Schloss, als einer Schule. Ich seufzte.
Als wir schließlich im Klassenraum im 5. Stockwerk saßen und auf unsere Mathelehrerin warteten, warf ich einen Blick auf den leeren Platz neben mir. Die blöde Pute hatte sich wirklich gewagt Teena und sie auseinander zu setzen, damit sich ihre Leistungen etwas verbesserten und sie vn mir ja eh nur abgelenkt würde.
Schwachsinn! Ich half ihr wo ich konnte.
Zugegeben, man nannte mich auch liebevoll die Streberin der Nation, weil ich in so ziemlich jedem Fach 1 stand, doch das lag auch nur an den Erziehungsmethoden meiner großen Schwester: Bücher, Bücher, Magazine, Bücher, Manuskripte, Bücher, Lexikas und Bücher! Etwas normal modisches wie Internet fand in unserem haus keinen Platz. Manchmal dachte ich Helena wäre lieber im Mittelaltern geboren worden. Da musste sie vielleicht auf ihre heiß geliebten Schaumbäder verzichten, doch zur Zeit diente sogar die Badewanne als staatlich geprüftes Bücherlager.
„Morgen Schüler!“, blaffte plötzlich die tiefe Stimme von Mrs. Killenham, als sie das Klassenzimmer betrat.
Die mollige Frau verdeckte etwas hinter ihrem stämmigen Leib. War das ein Mensch oder eine weitere, riesige Topfpflanze für das völlig überfüllte Fensterbrett?
Meine sarkastische Frage wurde sofort beantwortet, als sie einen Schritt nach links tat um sich an ihrem Schreibtisch keuchend ab ustützen. Für eine Frau ihres Gewichts waren die 400 Treppenstufen bis hier hoch fast schon Mord.
Der Junge der hinter ihr stand raubte mir jedoch kurzzeitig den Atem. Sein Blick war kalt wie Eis und jagte mir eine schaurige Gänsehaut über den Rücken.
„Das … ist … Jerome. Er ist … neu hier!!“ Das letzte Wort stieß sie so stark hervor das die Frau es fast schrie.
Die Mädchen fingen sofort an zu tuscheln und zu kichern. Zu meinem Entsetzen sogar meine beste Freundin, die ihn anstarrte als wäre er eine Skulptur aus dem alten Ägypten.
Und dann sprach Mrs. Killenham auch noch das aus, was mich sofort zum unbeliebtesten Mädchen der Klasse machen sollte.
„Gwendolyn, du kümmerst dich ein bisschen um den Jungen. Er wird die ersten paar Tage … Hilfe brauchen!“ Sie war immer noch nicht ganz auf dem Damm und ich nickte nur geschockt.
Verflucht! Warum immer ich?'
„Jerome du setzt dich am besten gleich neben sie. Das ist Gwendolyn Adams.“, keuchte die Dicke weiter und der Typ tat was sie sagte und setzte sich ohne ein weiteres Wort neben mich.
Na klasse. Das würde ein langer Tag werden!
Zuletzt von MiepMiepCore x3 am Di 03 März 2009, 18:54 bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet