von moriazwo am Mo Apr 20, 2009 3:44 pm
Ich glaube, dass wir - alle wie wir hier sind - eine ganz besondere "Sorte Mäuse" sind. Wir lesen gern, wir schreiben gern und wir halten auch gern ein Buch in den Händen. Es ist einfach ein gutes Gefühl, die Seiten manuell umzublättern, ein Lesezeichen hineinzustecken und darin zu versinken. Es ist ein Stück liebgewordener Romantik, die wir nicht missen wollen und an die wir uns sicher klammern, so lange es geht.
Doch wohin geht die Entwicklung? Bücher kosten in der Produktion Geld. Lektorat, Satz, Druck und Bindung - nicht zu vergessen die gesamte Kette des Marketings und Vertriebs, bis man das einzelne Exemplar schließlich im Laden findet und dort kaufen kann. In unserem Zeitalter ist man stets bemüht, Möglichkeiten zu finden, Geld und Kosten einzusparen. Wer dort nicht mitzieht, kommt sehr schnell unter die Räder. Allein die Form des Vertriebes hat bereits eine entscheidende Veränderung erfahren, wenn ich mir die große Zahl der Online-Buchhändler ansehe. Wo ich bei mir zu Hause im Buchhandel noch herumstöbern muss, Zeit investieren, ggf. das Objekt der Begierde sogar erst bestellen muss, ist es oft im Internet bereits verfügbar und wird mir innerhalb von 24-48 Stunden versandkostenfrei ins Haus geschickt. Ich bin fast sicher, dass es dem Buch in absehbarer Zeit genauso ergehen wird, wie zu Beginn der 80er Jahre der Schallplatte. Damals erschien der erste CD-Player von Philips, dessen Prototyp ich mir damals auf der IFA in Berlin angeschaut hatte. Das Gerät war unhandlich groß, schweineteuer (2000 DM), aber durchaus ein Klangwunder. Es gab damals natürlich fast keine CDs, so dass jeder sagte, es wäre eine interessante Spielerei. Ich beschloss, bei meinen LPs zu bleiben, denn ich besaß ja einen sehr guten Plattenspieler. Wozu brauchte ich CDs? Doch dann geriet der Markt in Bewegung, als die Geräte in die Massenproduktion gingen und für Jeden erschwinglich wurden. Das Musikangebot wurde breiter und im selben Maße wurde das Angebot an analogen Schallplatten dünner. In nur wenigen Jahren verlor die Schallplatte fast vollständig an Bedeutung und fristet seit dem ein Nischendasein. Solange es einige "Freaks" gibt, die auf analoge Musik schwören, werden sie sicher nicht vollständig verschwinden.
Heute sind wir schon wieder einen Schritt weiter: Wozu überhaupt CDs? Die Entwicklung von Komprimiercodecs wie MP3, Ogg, wmv oder Flac und gleichzeitige Verfügbarkeit entsprechender Abspieler macht Musik über das Internet quasi frei verfügbar - von urheberrechtlichen Problemen einmal abgesehen. Tausende von Titeln werden einfach auf eine Festplatte gespeichert und sind damit transportabel.
Warum sollte es dem Buch also anders ergehen? Bisher hatte das Buch noch eine gewisse Gnadenfrist, weil die Entwicklung ergonomischer Lesegeräte nicht konsequent vorangetrieben wurde. Diese Lücke schließt sich jedoch allmählich. Sobald man sich nicht mehr darüber beschweren kann, dass die Bildschirme flimmern, die Geräte unhandlich oder zu groß sind oder die Akkulaufzeiten zu gering sind, wird der Umbruch kommen. Verlage könnten sich die Produktion des Buches einsparen und sich um neue Formen des Vertiebes kümmern. Jedes Buch wäre sofort verfügbar. Lagerkosten entfallen. Eine kleine Datei aus dem Internet geladen - fertig.
Die Frage wird nicht sein, was wir bevorzugen - die Frage wird lauten: Haben wir überhaupt eine Wahl? Ich will damit nicht sagen, dass ich diese Entwicklung begrüßen würde - ganz im Gegenteil: Es erscheint mir eher als eine Facette aus dem Buch "Brave new World" von Aldous Huxley.
Gruß
Michael