Pooly's Kunst und Schreibforum

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Pooly & Co.

    Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Austausch

    Janey
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mo Feb 06, 2017 11:37 pm

    Lune

    Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und putze gedankenverloren meine Zähne. Ich habe mich schon umgezogen. Meine kurze Shorts und mein Top sind mir zum Schlafen lieber.
    Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,/wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
    In meinem Kopf hat der Anfang von Rilkes „Der Schutzengel“ ein Lager aufgeschlagen. Ich habe ihn im Seminar gelesen und es ist Aufgabe, weiter an ihm zu arbeiten.
    Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen/ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief
    Ich finde das Gedicht recht düster, doch es hat auch etwas anderes tiefer in sich. Ein Gefühl, das sich in diesem Moment noch nicht greifen lässt.
    Ich schaue währenddessen mein Spiegelbild an, ohne viel zu sehen. Doch dann bemerke ich etwas und mein Blick wird wieder scharf. Da ist ein Glitzern. In meinem Auge. Ich beuge mich näher heran und sehe eine Träne. Das Gedicht muss mich doch mehr berührt haben, als ich dachte. Und diese eine Träne, sie glitzert. mehr als nur eine Reflektion. Ich würde beinahe sagen, sie leuchtet. Ich greife um den Türrahmen herum und schalte das Licht aus. Und tatsächlich: Ich sehe gerade noch, wie der kleine Tropfen an meiner Wange herunter rinnt und dann verschwindet. Er lässt eine dünne Spur zurück, die langsam verglimmt. Ich starre sie an. Als ich sie berühren möchte, ist sie bereits verschwunden.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Di Feb 07, 2017 12:01 am

    Azrael:

    Es ist Nacht. Die Nacht beschützt mich. Ich bin ein Teil von ihr. Sie ruft mich zu sich, damit wir gemeinsam auf die Menschen herabsehen können. Am Tage so selbstbewusst und überlegen, bei Nacht ängstlich, wie ein scheues Tier in jede Ecke schielend.
    Ich gehe nach Haus, doch fühle mich meiner Kraft beraubt. Meine hochgeschätzte Unabhängigkeit ist brüchig geworden. Rat hat mich in der Hand. In meiner Hand ist noch immer der Zettel, nein, das ist kein Zettel. Das ist ein Block Zement, den ich mit mir rumschleppen muss und der meine Hände schmutzig macht.
    „Er wird dir gefallen. Der Auftrag.“, höre ich Rats Stimme in meinem Kopf. „Du darfst böse Jungs verprügeln. Natürlich nicht meine bösen Jungs, sondern die eines Konkurrenten.“
    Um so etwas nicht mehr machen zu müssen, habe ich mir doch einen Mitbewohner gesucht. Ich will mich nicht zum Werkzeug machen lassen! Dieser gottverdammte Scheißkerl! Rat, am liebsten würde ich ihn umbringen. Warum soll ich ihm gehorchen? Ich schulde ihm gar nichts!
    Du brauchtest ihn. Und nun bist du abhängig von ihm. Er kann deine falsche Identität auffliegen lassen. Und dann geht alles von vorne los!
    Meine Hände zittern und meine Augen glotzen wahnhaft in die Dunkelheit, die sich vor mir wie das Licht einer Laterne erstreckt.
    Von der S-Bahn Station ist es nicht weit bis zum Altbau. Ich steige die knarrenden Stufen hinauf und verfluche das Geräusch. Hier ist mein Gefängnis. Ich schließe meine Tür auf, gehe rein, schließe sie ab... Vielleicht geht es mir ja besser, wenn ich mir kaltes Wasser ins Gesicht werfe...
    Schwungvoll öffne ich die Badzimmertür und...
    Da steht jemand!
    Ich schalte das Licht an und sehe mit erschrockenen Blick ein junges schönes Mädchen in meinem Badezimmer stehen.
    Du hast jetzt eine Mitbewohnerin. Du beschränkter Idiot!
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Di Feb 07, 2017 12:21 am

    Lune

    Die Tür wird aufgerissen. Das Licht geht an. Und gleich wieder aus. Vor meinem Auge bleibt ein menschlicher Umriss hängen. Das muss Azrael sein. Wer sonst sollte in die Wohnung kommen? Ich stehe wie erstarrt. Bei seinem Auftreten fehlt nur noch Donner, der Blitz war ja schon da. Ich verschlucke mich und spucke laut hustend die Zahnpasta ins Waschbecken. Mein Kopf wird kalt. Ich richte mich auf und drehe mich zur Tür.
    „Fall doch ruhig mit der Tür uns Badezimmer!“
    Das sollte eigentlich sarkastisch werden, ich bekomme allerdings nur ein Krächzen zu Stande. Und fange wieder an zu husten.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Di Feb 07, 2017 12:33 am

    Azrael:

    Meine vernunftbegabte Seite ringt mit dem dummen Tier in mir, welches die ganzes Zeit. Gefahr! Gefahr!, durch meine Gedanken brüllt. Wellen der Dunkelheit gehen von mir aus, die ich kaum zu beherrschen vermag. Sie überdecken die Lampe und meinem einzigen vernünftigem Gedanken in dem Moment folgend, betätige ich unbemerkt erneut den Lichtschalter. Wenn das Glühbirne aus ist, wird es ihr nicht auffallen.
    Lune beugt sich hustend über das Waschbecken, während mein Blick noch huschend nach Gefahren sucht, die gar nicht da sind. Er bleibt an ihren nackten Beinen hängen und wandert an ihnen hinauf, bevor ich es überhaupt begreife. Mir wird heiß unter meiner Haut und ich fange schon wieder an zu stottern...
    „Ähm... Es t-tut mir leid. I-ich hatte nur nicht erwartet, dass du noch wach bist...
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Di Feb 07, 2017 12:56 am

    Lune

    Ich werfe einen prüfenden Blick in den Spiegel, doch von dem Vorfall ist nichts mehr zu sehen. Gut so.
    Ich versuche Einzelheiten Azraels auszumachen, kann aber nur seine Umrisse erahnen. Mir wird die Dunkelheit langsam unangenehm. Sie krallt sich wie ein Tier an meine Lunge. Einem Impuls folgend, bewege ich mich Richtung Tür.
    „Ich ähm, ehem, war sowieso schon fertig.“
    Ich will mich durch die offene Tür schieben, bleibe dann aber im Türrahmen stehen. Seine Nähe ist mir auf einmal so präsent. Sehr präsent. Zu präsent? Ich schaffe es nicht, den restlichen Mut aufzubringen, um weiter zu gehen. Er macht mir Angst. Diese Verbindung zwischen uns, sein Verhalten im Treppenhaus und nun diese dunkle Silhouette. Ich atme tief ein und aus. Ein ... und aus.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Di Feb 07, 2017 1:11 am

    Azrael:

    Sie weiß, dass du sie angestarrt hast.
    Was? Woher?! Das kann gar nicht sein. Doch jetzt bleibt sie neben mir im Türrahmen stehen und ich kann ihren Atem fast auf meiner Haut fühlen. Ein Zittern geht durch meine Arme.
    Da ist etwas an diesem Mädchen. Ich kann sie fühlen. Sie steht neben mir. Klar. Ich kann sie sehen. Klar. Höre. Klar. Und riechen...
    Doch da ist noch etwas anderes. Ich könnte auf all meine Sinne verzichten und wüsste dennoch, dass Lune neben mir im Türrahmen steht. Ist das eine neue Fähigkeit? Ist diese Fähigkeit gefährlich? Für mich? Für sie?
    Ich weiß zwar nicht viel über soziale Kontakte, aber das ist doch nicht normal, oder?

    Sie macht keine Anstalten, sich weiter zu bewegen. Ihr Atem ist auf meiner Haut. Er umschlingt mich und wickelt mich ein. Mein Herz beginnt zu rasen. Vielleicht kann sie sich nicht orientieren. Ich ringe mit all meinen Kräften die dunklen Schwaden nieder und greife nach vorn, um im Flur Licht anzumachen. Dabei streiche ich aus Versehen sacht mit der Hand über ihren Arm.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Do Feb 09, 2017 12:43 am

    Lune

    Ein Schauer läuft durch meinen Körper als Azraels Finger meinen Arm berühren. Ich bekomme eine Gänsehaut. Mir auf einmal eisig kalt. Ich halte den Atem an. Ganz ruhig bleiben. Das Licht geht an. Ich kann Azrael nun auch sehen. Also richtig, nicht nur Umrisse. Ich meide seinen Blick, aus Angst was als nächstes passieren wird. Also schaue ich auf seine Brust. Auf seine ziemlich männliche Brust. Ich ohrfeige mich mental. Was soll denn das jetzt? Hör auf damit! Ich schiebe den Gedanken mit aller Kraft beiseite. Dieser Kerl ist mir viel zu unheimlich, als das ich ihn attraktiv finden könnte. Obwohl ... Schluss jetzt!
    "Danke" Ein Flüstern. Kratzig, als wäre das das erste Wort seit Jahren.
    "Ich ehm ..." Ich nicke mit dem Kopf in Richtung Flur und lächle gequält. Dann nehme ich allen Mut zusammen und gehe an ihm vorbei. Allerdings nicht ohne eine weitere Berührung. Ich versuche meine Atmung zu kontrollieren.
    Vor meiner Zimmertür bleibe ich stehen mit der Hand auf der Klinke. Danke?! Bist du völlig bescheuert?! Ich schlage meine Stirn gegen die Tür. Mehrmals. Leise. Aber es tut trotzdem weh.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do Feb 09, 2017 1:11 am

    Azrael:

    Ich weiß, wie Angst aussieht. Und sie hat Angst vor mir...
    Lunes Mund öffnet sich. Ich höre ihre Worte und registriere sie mit regungsloser Miene. So wie immer, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, tue ich einfach gar nichts...
    Jetzt ist sie weg. Und ich stehe da, als hätte man mich mit einem Pflock an der Türkante befestigt. Was ist nur mit mir? Ich sollte dankbar sein, schließlich hat sie mich nicht angeschrien und verkündet, von hier weg zu ziehen. Sonst müsste ich wieder neue Menschen hier hereinlassen und keiner von ihnen würde jemals wieder so wie Lune sein, die mir so wenig Probleme macht und das WG Leben fast schon erträglich erscheinen lässt.
    Aber da ist noch etwas anderes. Mir wird schlagartig bewusst, dass ich Lune nicht nur als Mitbewohnerin, sondern auch als Mensch bei mir haben will. Und das macht mir eigentlich am meisten Angst. Du bist angreifbar geworden.
    Ich habe Angst. Angst vor der Angst. Angst davor, Lune gekränkt haben zu können. Tausend Wortfetzen ziehen durch meinen Kopf. „Du musst verstehen... Ich bin eigentlich... Die Wahrheit ist... Geh nicht...“
    „Es ist schwer, mich zu ertragen, das weiß ich. Du hättest einen besseren Mitbewohner verdient.“, murmle ich schließlich resigniert und bin selbst erstaunt über meine Offenheit. „Tut mir leid.“
    Immer noch an der Türkante stehend, wende ich meinen Kopf zu Lune und sehe sie vor ihrem Zimmer verharren.

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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Do Feb 09, 2017 1:23 am

    Lune

    Mit Schwung drücke ich die Türklinge herunter und lasse die Tür aufschwingen. Während ich hinein gehe, werfe ich noch einen kurzen Blick zurück. Er guckt mich an. Ich bleibe wie festgefroren stehen. Er guckt mich an. Hat er etwa gesehen? Oh bitte nicht. Bitte bitte nicht. Er muss mich auch so schon für völlig verschoben halten. Das hast du ja wieder toll hinbekommen!
    Ich lächle ihn unsicher an. "Gute Nacht?" Dann reiße ich mich von ihm los und schließe schnell die Tür. Von der anderen Seite lehne ich mich dagegen und verziehe das Gesicht. Oh, wie peinlich!
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do Feb 09, 2017 2:36 pm

    Azrael:

    Ich lehne mich nach vorne und knalle mit der Stirn gegen den Türrahmen...
    Das tut weh.
    Das war ja ne Meisterleistung. Sie hält dich jetzt nicht mehr nur für einen Freak, nein. Du hast es jetzt sogar geschafft, dass sie Angst vor dir hat. Eigentlich kannst du gleich schon eine neue Annonce aufsetzen.
    Wüste Beschimpfungen in mich hinein murmelnd und mit einem enormen, nach innen gerichteten, Zorn im Bauch, schleiche ich auf mein Zimmer und lasse mich angezogen ins Bett fallen.
    Ich starre an die Decke. Aus all meinen Poren dringen dunkle Schwaden, die die Nacht in meinem Zimmer noch dunkler werden lassen. Jeder normale Mensch würde sofort bemerken, dass hier etwas nicht stimmt. Aber mein Bett steht hinter der Tür. Ich würde sie kriegen, bevor sie mich kriegen... Das ist das Wichtigste...
    In dem fruchtlosen Versuch, etwas Schlaf zu finden, atme ich tief und gleichmäßig ein und dunkle, mit Hass vollgesogene, Nebelschwaden aus, die sogar für mich nicht zu durchsehen sind. Sie steigen zur Decke auf, wo ich sie dabei beobachte, wie sie einander hinterherjagen. Sie sehen aus, wie Schlangen, die sich gegenseitig fressen...
    Wenn du dich selbst hasst, nimmst du dir selbst die Sicht. Wie passend.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Do Feb 09, 2017 9:42 pm

    Lune

    Ich singe lautstark vor mich hin. Azrael ist ja sowieso nicht da. Mich kann also keiner hören. Dann ist es auch egal, wenn ich falsch singe. “That's when love turns nighttime into day,/That's when loneliness goes away,/That's why you gotta be strong tonight,/Only love can build us a bridge of light.” Wie ironisch, denke ich. Und doch passend. Wenn ich nur, wüsste, was da mit mir passiert. Und warum. Nicht, dass ich selbst zu einer Lichtbrücke werde.
    Ich schiebe den Gedanken zur Seite und konzentriere mich wieder auf den Teller in meiner Hand. Ich habe den Abwasch fast fertig. Hier hat sich einiges angesammelt. Und laut Plan ist an mir, hier wieder Sauberkeit anzusiedeln. Aufräumen und putzen kann ich am besten mit Musik. Und wenn keine da ist, singe eben selbst. Zumindest, wenn niemand zuhört.
    Es ist schon recht spät, aber Azrael ist noch nicht wieder heimgekommen. Wo der sich wohl rumtreibt? Mir ist schon öfters aufgefallen, dass er sehr viel später nach mir nach Hause kommt. Ein wirklich komischer Typ. Mich hat das auch eigentlich nicht zu interessieren, was er wann wie wo macht, nur fühlt es sich so seltsam in der Wohnung an, wenn er nicht da ist. Es ist dann so leer hier. Er wohnt hier. Und doch treffe ich ihn nur selten an. Sein Zimmer wirkt ausgestorben. Nicht, dass ich da oft reingucken würde. Habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht und ich finde es falsch, es ohne ihn zu tun.
    Nachdem die Küche wieder hergerichtet ist, gehe ich in mein Zimmer und lege mich ins Bett. Es ist spät, ich bin müde und erschöpft. Es ist so dunkel draußen, dass ich nichts erkennen kann. Schade, denke ich noch, bevor meine Lider zufallen und ich langsam einschlafe.

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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do Feb 09, 2017 10:20 pm

    Azrael:

    Eine weitere Woche ist ins Land gegangen. Eine ganze Woche, in der ich mich nicht aufraffen konnte, mich bei Lune zu entschuldigen. Nicht mal mit ihr geredet habe ich. Wenn sie mich etwas gefragt hat, habe ich so ähnlich reagiert, wie bei allen anderen auch. Einsilbig, tonlos...
    Hast du so viel Angst, vor dieser zierlichen Person, dass du ihr nicht gegenübertreten willst?!
    Ich habe keine Angst davor, was sie tun, sondern was sie sagen wird.
    Ist das ernsthaft deine Begründung? Du bist so eine Lusche.
    Das ist jetzt egal. Ich zwinge mich ruhig zu sein und meinen Hass auf mein Umfeld umzulenken. Es ist abends und die letzten Sonnenstrahlen verschwinden am Horizont. Ich bin in die S-Bahn gestiegen und so weit südlich aus der Stadt hinausgefahren, wie es geht, ohne im Moor zu versinken.
    Das System ist nicht sehr nett zu seinen Verlierern. Hier zu sein bestätigt mir das. Eine Mischung aus zugemüllten Seitenstraßen, Billig-Discountern und massengefertigten  Blockwohnungen prägt die Szenerie. Alles ist schmutzig und verfallen. Die Menschen gehen nicht. Etwas in ihnen funktioniert nicht mehr, als hätte die Natur sich gegen sich gekehrt. Sie scheinen geschlagen zu sein, gebrochen. Ohne Anfang und ohne Ziel schlurfen sie durch die Straßen.
    Und ich gehöre hier her. Der einzige Grund, warum ich nicht hier lebe, ist der, aus dem ich jetzt hier bin. Geld.
    Ein Mann mit gefälschter Identität kann keine Karriere in der Stadt starten.
    Nicht, dass ich Interesse daran gehabt hätte...
    Also bist du Kriminell geworden. Abschaum. Du bist auch nicht besser als Rat.
    DAS STIMMT NICHT! Mit aller Kraft schiebe ich den Gedanken bei Seite. Denn ich habe nie einen Menschen getötet oder einen Unschuldigen verletzt.
    Und du wolltest dich nie in die Bandenangelegenheiten verwickeln lassen. Hat ja toll funktioniert. Deswegen bist du jetzt hier.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Do Feb 09, 2017 10:51 pm

    Lune

    Ein großer Raum. Hell. Irgendwo ist Sonne. Blauer Himmel. Überall sind Blumen. Rote Blumen, Blaue Blumen, Gelb, Rosa. Sie sind alle da. Farben über Farben. In einem Grünen Meer aus Gras. Es ist so weich unter den Füßen. Ich liege da. Unter mir kitzeln die Stängel. Es summt. Überall um mich herum ist Leben. Kleine Schmetterlinge sitzen in einiger Entfernung auf den Blüten. Schweben umher.
    Die Luft ist frisch. Riecht nach Sommerregen. Und ja. Keine Wolken, aber es regnet. Warme Tropfen. Fallen auf mich, um mich rum. Ich atme tief ein. Stehe auf, drehe mich um mich selbst. Lache. Recke die Arme in die Höhe. Zur Sonne. Ein Schmetterling kommt zu mir, setzt sich vor mich. Rote Blume, blauer Schmetterling. So bunt. Alles ist so bunt. Leuchtend. Strahlend. Auch schaue zu ihm, will ich berühren. Doch er fliegt auf. Fliegt weg. Langsam. Ich laufe hinter ihm her.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do Feb 09, 2017 11:02 pm

    Azrael:

    „N‘ Abend...“, begrüße ich den Mann, auf den Rat’s Beschreibung passt.
    Ich sitze vornübergebeugt auf den Stufen, die zu seiner Haustür hochführen. Meine Hände habe ich zusammengefaltet, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Neben mir liegt ein Baseballschläger, den ich aus einem Geschäft entwendet habe, dessen Beleuchtung kurz vor Ladenschluss eine kurzfristige „Fehlfunktion“ hatte.
    „Bist du der, den man „Leviathan“ nennt?“, frage ich lustlos und die Augen des Mannes weiten sich ertappt.
    Er hat lange, auffallend gut gepflegte Haare, ist einen halben Kopf kleiner als ich, dafür aber doppelt so breit und überaus muskulös. Aber das macht gar nichts. Ich habe einen Baseballschläger... Wuhu...
    „W-was willst du von mir?“, fragt er bestürzt, sein Blick wandernd zwischen mir und meiner Waffe.
    „Na was glaubst du?“, blaffe ich unmotiviert und lehne mich zurück. „Rat will, dass du eine Abreibung kriegst. Das ist sein Revier. Du hast hier keine Schutzgelder einzutragen. Jetzt gibt es Konsequenzen. Bla-Bla-Bla.“
    Der Mann, der sich Leviathan nennt, schaut mich irritiert an. „Du musst das nicht tun.“, versucht er mich zu beschwichtigen. „Ich bin hier nicht der Böse.“
    „Jeder, der anderen Menschen zu Unrecht weh tut.“, sage ich und seufze. „Ist böse...“
    Ich lehne mich zurück und betrachte den Vollmond. Möge Gott meiner Seele gnädig sein... Und so weiter...
    „Aber ich habe Frau und Kinder. Ich versuche nur, sie zu ernähren!“
    Ich erhebe mich von den Stufen und nehme den Schläger in die rechte Hand.
    „Du verletzt Menschen, weil du Geld brauchst.“, erkläre ich ihm genervt. „Und ich verdresche dich, weil ich Geld brauche. Wir sind beide Abschaum, find dich damit ab!“

    Sein Schlag trifft mich unvorbereitet.
    „Lass mich in Ruhe!“, höre ich ihn rufen, während ich falle und mir die linke Schulter auf einer Treppenstufe aufschlage.
    Das tut sehr weh und macht mich sehr, sehr wütend.
    „Ich möchte das nicht tun!“, brüllt Leviathan und holt zum zweiten Schlag aus.
    „Und ich erst...“, knurre ich, umklammere meinen Schläger und rufe die Dunkelheit zu mir.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Do Feb 09, 2017 11:23 pm

    Lune

    Eine Tür. Plötzlich. Einfach da. Der Schmetterling ist weg. Drehe mich um. Kein Leuchten. Keine Blumen. Graues Gras. Nebel. Alles ist dunkel. Alles grau. Schwarze Gestalten. Gesichtslos und wabernd. Mein Herz pocht. Stark. Schnelle Atmung. Angst. Panik. Ich kann mich nicht bewegen. Will weg. Sie kommen. Sie kommen zu mir. Sie wissen es. Leuchtend rote Augen. Paare. Immer mehr Paare. Näher. Dann endlich, drehe mich um. Die Tür! Verschlossen. Keine Klinke. Drücke dagegen. Schlage. Hämmere. Nichts. Hektische Blicke. Sie kommen. Höre ihren rasselnden Atem. Sonst Stille. Spüre sie in meinem Nacken. Immer näher. Die Tür geht auf. Ich stürze in Dunkelheit. Kann nichts sehen. Bleibe stehen. Keine Orientierung. Beginne zu laufen. Unkontrolliert. Blanke Angst. Aus dem Nichts eine weitere Tür. Stoße sie auf. Dann stehe ich vor einem Abgrund. Tief und dunkel. Rote Augen. Näher. Immer näher. Beginne an der Felswand zu klettern. Runter. Weg. Finde Halt. Schneller! Muss schneller sein. Mir brennen die Muskeln in Armen und Beinen. Weiter. Weiter und weiter. Türen. Überall Türen! Drücke eine auf. Laufe. Schneller als zuvor. Und dann ist überall Eis.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do Feb 09, 2017 11:36 pm

    Azrael:

    Leviathan heult überrascht auf, wie die meisten, wenn sie plötzlich nichts mehr sehen können. Sein Schlag geht ins Leere, aber dafür stürzt der Muskelprotz und ich schaffe es nicht rechtzeitig, mich aus der Bahn zu rollen. Deswegen stürzt er halb auf mich drauf. Ich versuche mich, ihm zu entwinden, doch er packt blind zu und bekommt mein linkes Bein zu fassen. Mit dem Baseballschläger dresche ich mehrmals grob auf seinen Arm ein, was aber zur Folge hat, dass er verkrampft und seine Fingernägel sich in meinen Unterschenkel bohren, bis ich mein Blut sehen kann.
    Ich schreie auf. Ein weiterer Schlag und Leviathan lässt mich los. Wir beide rappeln uns auf. Ich orientiere mich sofort neu und umrunde meinen Gegner, während er noch verwirrt und überrumpelt, Löcher in die Dunkelheit starrend, um sich blickt.
    Dann stehe ich hinter ihm und ziehe ihm den Baseballschläger über den Rücken. Ein dumpfes Geräusch, als würde man ein Schnitzel in Form schlagen.. Ich habe versucht, nicht seine Wirbelsäule zu treffen. Trotzdem zeigt der Schlag Wirkung. Der Muskelprotz geht zu Boden und windet sich orientierungslos.
    Für einen Moment tut er mir leid... Einen Moment zu lang, denn schon lichtet sich der Nebenschleier und mit einer Geschwindigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte, steht Leviathan wieder auf, versetzt mir einen Hacken und meine Unterlippe platzt auf. Fast reißt es mich von den Füßen. Aber nur fast. Und dann ist auch schon der Hass wieder da. Leviathan stürmt auf mich zu, doch dann verdichtet sich die Dunkelheit. Er verfehlt eine Stufe, fällt hin und steht nicht wieder auf.
    Ich gehe zu ihm und überprüfe seinen Puls. Er lebt und er hat zumindest äußerlich keine schweren Verletzungen.
    „Tut mir leid...“, murmle ich und werfe den Baseballschläger weg.
    Humpelnd mache ich mich auf zur S-Bahn Station. Ich will einfach nur schnell von hier weg. Einfach weg. Weg aus dieser scheußlichen Stadt. Ich weine. Warum weine ich?
    Ich starre zum Himmel hinauf, während ich die Seitenstraße verlassen.
    Ich wünschte, der Mond würde mich zu sich nehmen...
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Fr Feb 10, 2017 12:12 am

    Lune

    Kalt. Alles ist kalt. Nur Kälte. Sie kriecht in mich, durch mich durch, füllt jeden Teil meines Körpers. Alles Eis. Doch ich muss weg. Lauf! Meine Beine bewegen sich. Ich schaue ihnen zu.
    Dunkles Labyrinth. Keine Richtung. Kein Sinn. Nur laufen. Kann nicht mehr. Nächste Ecke. Laufe weiter. Dann Ende. Schluss. Wand. Laufe dagegen. Drücke. Nichts. Schlage dagegen. Verzweiflung. Kalte Tränen. Kann nicht mehr. Sinke zu Boden. Näher. Sie kommen näher. Sie kommen.

    Ein Scheppern. Ich zucke zusammen. Mache die Augen auf. Im seichten Mondlicht sehe ich Mülltonnen im Hof stehen. Zwei Gestalten kommen näher. Schwarz. Wabernd. Sie haben mich. Rote Augen.
    Mein Atem geht schneller. Sie sind da. Ganz nah. Einer beugt sich zu mir.
    „Na, wen ham wa’n da?“
    Mein Atem überschlägt sich, macht Geräusche. Laut und hoch. Rasselnd. Meine Augen sind geweitet. Seine roten vor meinen. Leuchten mich an. Ich drücke mich gegen die Wand. Weg.
    „Ach Süße!“
    Er greift nach mir. Ich bin ganz steif. Er stellt mich hin. Puppe.
    Versuche Luft zu bekommen.
    „Aber, aber!“
    Der andere kommt dazu. Rote Augen.
    Dunkel. Alles ist dunkel. Er streckt die Hand aus. Mit dem Fingerknöchel streichelt er meine Wange. Sie brennt.
    Sie gucken sich an. Nicken. Lachen dreckig. Dann dreht mir einer die Arme auf den Rücken. Der andere kommt noch näher. Mein hoher Schrei wird erstickt.
    Sie haben mich.
    Rote Augen.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Fr Feb 10, 2017 12:21 am

    Azrael:

    Eine S-Bahnfahrt später, in der ich die Mitreisenden mit Blicken davon abgehalten habe, mir ihre Hilfe anzubieten, humple ich zwischen vertrauten Gebäuden hindurch.
    Meine Tränen sind getrocknet, aber in mir brodelt ein Ozean an Emotionen. Es war nicht richtig, diesen Mann zu schlagen!
    Ich hatte von vorn herein keine Lust auf diesen Auftrag, weil Rat mich gezwungen hat. Zum ersten Mal, habe ich mich mit einem der Kriminellen unterhalten, weil ich keine Lust hatte, ihn zu verletzten. Wie konnte ich es so weit kommen lassen?
    Ich habe Leviathan niedergeschlagen, obwohl er genau so ist, wie ich! Auch er hat keine andere Wahl und hat sich diesen Pfad nicht ausgesucht! Wie viele meiner vergangenen Opfer waren noch wie er, wie ich?
    Am Ende des Tages... Bist du... Nein... Bin ich auch nicht besser... Als all die anderen Mörder und Schänder... Wir sind alle derselbe Abschaum...
    Ich schaue an mir herunter... Blut im Gesicht, Blut an meiner Schulter, Blut an meinem Bein und alles hat begonnen, blau anzuschwellen.
    Das werde ich Lune nie erklären können. Sie wird wissen, dass ich etwas Schlimmes getan habe... Dann wird sie gehen wollen, aber nein... Sie hat diese Wohnung viel mehr verdient, als ich!
    Ich bin es nicht wert, der Mitbewohner eines so wundervollen Mädchens zu sein. Am besten ich geh weg... Ganz weit weg, ich...
    Ich... Ich gehe an der Seitengasse vor dem Eingang zu unserem Wohnblock vorbei und hör zwei Männerstimmen...

    „Ey, siehst du die Schlampe da?“
    „Boah, ey, ich glaub die schlafwandelt.“
    „Geil! Komm die schnappen wir uns!“

    Schwankend bewege ich mich auf das Geräusch zu. Ich muss da was machen...

    Doch dann ist es plötzlich so, als würde kochender Teer meine Adern fluten. Eine hasserfüllte Woge zieht durch meinen Körper. Kaskaden der Dunkelheit fließen aus mir heraus. Alle meine Muskeln spannen sich an. Schmerz und Müdigkeit sind verschwunden. Weggefegt, wie Figuren vom Spielbrett. Ein urgewaltiger Schrei entfährt meiner Kehle.

    Lune ist bei diesen Männern, ich kann sie spüren und ich weiß, dass sie in Gefahr ist.
    Ich laufe los, bereit jeden in der Luft zu zerreißen, der ihr wehtut.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Fr Feb 10, 2017 12:42 am

    Lune

    Ich verliere mich. In den Augen. Tief. Kann den Blick nicht lösen. Er macht irgendwas. Mit mir. Ich kann seine Finger spüren. Kalt und kratzig. Er lacht. Lässt seine Finger höher tänzeln. Auf meiner Haut. Irgendwo unter dem Stoff. Der andere lacht auch. Nur leiser. Sein Lachen hallt in meinem Kopf wieder. Dröhnend und leer. Ich kann nicht weg sehen. Seine Pranke drückt auf meine Mund, meinen Kopf zurück gegen die Wand.
    Irgendwo schreit jemand. Und noch jemand. Nur leiser. Und tonloser. In meinem Kopf. Alles ist so kalt.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Fr Feb 10, 2017 12:58 am

    Azrael:

    Die Wände zieh’n an mir vorbei. Die Nacht an meiner Seite. Über mir. Um mich. Ich erreiche den Hinterhof am Ende der Gasse. Blut pocht in meinen Schläfen. Ich orientiere mich. Sehe sie. Zwei Männer. Sie halten Lune an die gegenüberliegende Wand gedrückt.
    Als ich sehe, was sie mit ihren Händen machen schaltet sich alles bei mir aus. Zwei Männer... Eindeutig betrunken. Einen erkenne ich als Gregor Müllers. Ihre Hände. Lune...
    „Ich bring euch um, ihr Schweine!“, brülle ich aus voller Kehle und ein Sturm der Dunkelheit tobt durch den Hof.
    Ich laufe zu den Männern. Sie drehen sich um. Verdutzt. Überrascht. Nicht verängstigt. Ich schlage Gregor ins Gesicht. Der andere stößt mich weg. Sie sehen mich. Die Dunkelheit schützt mich nicht. Sie schwirrt wild im Takt meines rasenden Herzens um die Mauern und scheint nicht zu wissen wohin.
    „Freak!“, brüllt Gregor, als er sieht, wie die Dunkelheit aus meinen Mundwinkeln fließt. Nun bekomme ich Angst. Angst, Lune nicht retten zu können.
    Der andere Mann versetzt mir einen Schlag und plötzlich kann ich meine Verletzungen wieder spüren.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Fr Feb 10, 2017 1:13 am

    Lune

    Auf einmal bin ich hell wach. Keine roten Augen mehr. Ich sehe die zwei Männer ganz klar. Soweit ich das in dieser Dunkelheit so sagen kann. Azrael. Er ist da. Aber wieso? Ich atme tief ein und beobachte die Situation. Wie sie sich alle anbrüllen.
    Er beschützt mich. Mich. Er sieht schlimm aus. Überall ist Blut. Sie schlagen beide auf ihn ein. Und dann kommt der Impuls. Ich setze erst einen zögerlichen Schritt vorwärts, dann laufe ich auf den nächst besten der beiden Männer zu und springe ihn an.  Dann liege auch ich auf dem Boden. Er hat mich einfach weggewischt.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Fr Feb 10, 2017 1:27 am

    Azrael:

    Ein Hacken des unbekannten Mannes raubt mir fast den Atem. Gregor steht lachend daneben. Plötzlich ist Lune da, klammert sich an meinen Angreifer, zerkratzt ihm sein Gesicht. Ihr Mut ist bewundernswert, aber warum tut sie das? Doch nicht etwa, um mich zu beschützen. Mich das Monster, das die Dunkelheit bringt.
    Für einen Moment bin ich wie gelähmt, dann schüttelt der Mann sie ab und sie geht zu Boden. Er will sich über sie beugen, doch das werde ich niemals zulassen. Ich umklammere ihn mit beiden Armen an der Hüfte und zerre ihn von ihr weg. Ein Ellenbogen trifft mich am Kinn, aber trotzdem. Mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung schleudere ich den Mann von uns weg und dem heranstürmenden Gregor vor die Füße. Er stöhnt schmerzerfüllt und rappelt sich langsam wieder auf. Der Fettwanst bleibt verdutzt stehen.
    Eine schwarze Flüssigkeit fließt mir aus dem Mund und jetzt auch aus den Augen. Ja... Ja ich bin ein Monster. Gut. Fürchtet mich!
    Ich stelle mich schützend vor Lune.
    „Kommt keinen Schritt näher!“, rufe ich mit gebrochener Stimme.
    Plötzlich hält Gregor ein Messer in der Hand...
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mo Feb 13, 2017 11:59 pm

    Lune

    Mein Kopf ist auf den Asphalt geschlagen. Er tut nicht weh, ist nur schwer. Und auf einmal ist ein tiefes Dröhnen da. Na toll. Azraels Stimme sticht in meinen Kopf, wie ein Messer. Ich versuche es auszublenden. Mühselig bringe ich mich zurück in eine aufrechte Haltung. Azrael hat die beiden irgendwie zurück gedrängt. Ich kann sie aber nicht sehen, er steht zwischen uns. Um eine bessere Sicht auf den Feind zu bekommen, krieche ich zu ihm. Mehr schaffe ich mit meinem Kopf nicht. Die starren Azrael so komisch an. Ich schaue zu ihm hoch. Und erstarre. Ich muss noch träumen. Schwarz. Überall schwarz! Läuft aus dem Gesicht. Was passiert hier? Panik ergreift mich. Ich weiß nicht wohin. Ich rücke einen Schritt weg von ihm.
    „Du .. du …“, flüstere ich.
    Was passiert hier?!
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Di Feb 14, 2017 12:20 am

    Azrael:

    „Ey Kalle.“, lallt Gregor seinen Saufkumpanen an, der sich mittlerweile erhoben hat. „Was war’n in dem Flachmann drin?“, fragt er und deutet auf die lebendig gewordenen Schatten.
    „Kein Plan, ey...“, antwortet dieser und rülpst. „Aber lass jetzt Mal diesen Freak ein auf’s Maul geben. Dann machen wir uns die Kleine klar.“
    Erst jetzt rückt mein Verstand ein bisschen in die Realität zurück. Ich werfe einen Blick zu Lune zurück, die mich völlig entgeistert anstarrt.
    Sie weiß es jetzt... Sie weiß alles...
    Meine Brust zieht sich zusammen und die Schatten werden undurchsichtig vor meinen Augen. Die gesamte aufgestaute Wut in mir, auf mich selbst, auf mein Leben, auf die gesamte verfluchte Welt entlädt sich in diesem Moment. Als ich wieder zurück zum Abschaum schaue, sehe ich gerade noch, wie Kalle mit erhobenem Messer auf mich zugestürmt kommt.
    Mir egal. Ich bin egal.
    Alles scheint sich wie in Zeitlupe abzuspielen. Fast schon lustlos hebe ich den linken Arm hoch, um die Messerspitze mit der Handfläche abzufangen. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes...
    Plötzlich konzentriert sich die Dunkelheit, die bisher im Innenhof verteilt war und nimmt einer feste Form an. Wie ein Handschuh wickelt sie sich schwer und kalt um die Haut meines erhobenen Armes. Das Messer trifft mich in die Handfläche. Es tut so sehr weh, dass ich mir meine aufgeplatzte Lippe erneut aufbeiße, doch die Klinge durchdringt meine Hand nicht.
    Sie prallt ab.
    Für den Bruchteil einer Sekunde bleiben sowohl Kalle als auch ich stehen und starren verdutzt auf meine Hand. Er lässt das Messer sinken. Die Dunkelheit verflüchtigt sich und gibt den Blick auf schwarze Adern frei. Plötzlich ist mir sehr, sehr kalt.

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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Di Feb 14, 2017 12:42 am

    Lune

    Ich starre Azrael an. Es ist dunkel. Und dann wieder nicht. Und seine Hand. Noch mehr Schwarz. Er … da … schwarze Adern! Die Geschehnisse stürzen auf mich ein. Es fühlt sich an, als steckte ich noch immer in meinem Albtraum. Der sich vielleicht einfach realer anfühlt. Sehr real. Und Azrael sieht zu real aus. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich beginne unkontrolliert zu zittern. Mein Magen krampft sich zusammen und mir wird übel. Ich kann nur noch auf die schwarzen pulsierenden Stränge an Azraels Hand sehen, alles andere wird unscharf und verschwimmt. Ich schnappe nach Luft. Meine Atemzüge werden krampfhaft und kurz. Die Adern pulsieren weiter. Und weiter. Und weiter.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Di Feb 14, 2017 1:02 am

    Azrael:

    Kalle hat mich offensichtlich als Halluzination abgetan, während Gregor noch einer Schockstarre verfallen scheint. Denn ersterer versucht sich an mir vorbei zu Lune durchzudrängen und Gregor bleibt an Ort und Stelle stehen.
    „Was glaubst du, was du da tust?“, fahre ich den Mann neben mir an und packe ihn am Hals. Meine Stimme klingt gar nicht mehr wie meine Stimme, mehr wie die eines Kettenrauchers. Rau und kratzig. Passt allerdings. Denn ich atme klare Nachtluft ein und puste schwarze Rauchschwaden aus, die sich heiß in meiner Lunge breit gemacht haben.
    Mit jedem Atemzug spüre ich, wie ich schwächer werde. Die Nacht ist in mich gefahren, aber entweicht mir auch wieder. Lange kann ich sie nicht mehr in mir halten. Sie bahnt sich ihren Weg durch meiner Kehle nach draußen.

    Mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung hebe ich Kalle mit einer Hand in die Luft und schleudere ihn mit einer Puppe beiseite. Er prallt in ein paar Mülltonnen, die laut scheppernd umfallen. Der Mann steht nicht wieder auf.
    Dann wende ich mich Gregor zu.
    Doch gerade als er seinen Schock zu überwinden scheint und mit erhobenen Messer auf mich zustürmt, überkommt mich plötzlich ein monumentaler Hustenanfall. Mein Oberkörper verkrampft sich unter einem brennenden Schmerz. Jemand muss glühende Kohlen in meine Lunge gelegt haben. Ich huste Wolken dunklen Rauches aus, die sich in der Nacht verflüchtigen. Selbst durch meine Haut dringt sie nur hervor. Verzweifelt werfe ich meinen Mantel von mir, als würde er in Flammen stehen, doch das Brennen kommt von innen und nicht von außen.
    Ich breche zusammen, bleibe am Boden liegen und krümme mich vor Schmerzen, während der letzte Rest Dunkelheit meine Kehle verlässt und alles an mir wieder seine normale Farbe annimmt.
    Dann schaue ich nach oben.
    Über mir steht Gregor.
    Er lässt sein Messer auf mich hinabschnellen.

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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

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