Pooly's Kunst und Schreibforum

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Pooly & Co.

    Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

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    Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Fr 20 Jan 2017, 23:35

    Lune
    Die alten Holzstufen knarren unter meinen Schritten, als ich langsam die Treppe hinauf gehe. Mein Herz schlägt schnell. Ich bin aufgeregt und etwas aus der Puste. Irgendwo zwischen den Stockwerken habe ich mich verzählt. Aber wenige waren es nicht. Kein Wunder, dass in der Anzeige nichts davon stand. Würde auch eher abschreckend wirken. Ich bin so viele Stufen nicht gewohnt. Und meine Aufregung macht die Sache auch nicht besser. Ich lasse meine Hand auf dem Geländer um die nächste Kurve gleiten, bleibe stehen und schaue nach oben. Viel kommt da nicht mehr, ich muss also bald da sein. Wer das wohl ist? Das ist meine erste WG, in der ich wohnen könnte. Oder muss. Weil für mehr der Zuschuss meiner Eltern nicht ausreicht. Sie meinen also, so würde ich mein Leben auf die Reihe bekommen. Wie wenig Ahnung sie doch haben.
    Und noch ein Stockwerk höher. Ich setze mich wieder in Bewegung.  Als ich der nächsten Reihe Türen vorbei gehe, sehe ich, dass eine von ihnen offen steht. Zu weit offen, als dass die versehendlich nicht zu gemacht wurde. Ich bleibe unschlüssig stehen. Soll ich da einfach hinein gehen? Ich atme tief durch und mache dann einen zaghaften Schritt auf die Tür zu. Nichts passiert. Ich gucke in die Wohnung hinein, doch kann nicht viel erkennen, denn es ist darin recht dunkel. Bin ich hier doch falsch? Sollte ich vielleicht lieber gehen? Doch ich weiß nicht, wo ich sonst unterkommen sollte, denn die Frist meiner Eltern nähert sich dem Ende. Ich nehme also meinen Mut zusammen und klopfe vorsichtig mit dem Fingerknöchel gegen die Tür. Als sich abermals nichts rührt, setze ich ein „Halloo“ daran, dass vielleicht etwas zu leise gerät und betrete die Wohnung.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Sa 21 Jan 2017, 00:07

    Azrael:

    Ich laufe in der Küche auf und ab und schlage mir mit der Handfläche gegen die Stirn. Das Licht der Deckenlampe wird dabei zusehends dunkler.
    *Pock* Nun reiß dich *Pock* mal zusammen!, denke ich. *Pock*
    Den ganzen Vormittag komme ich schon nicht zur Ruhe, weil diese Person zum Vorsprechen kommt. *Pock* Sie klang freundlich am Telefon, aber das heißt nichts. Viele Menschen ver-stellen sich, wenn sie anderen gefallen wollen. *Pock* Du hast nicht länger genug Geld, um die Wohnung alleine zu beziehen und wenn du nicht willst, dass die Polizei auf dich aufmerk-sam wird, dann brauchst du einen Mitbewohner! *Pock* Das kann nicht schwerer sein, als das, was ich normalerweise machen muss, um über die Runden zu kommen. Ich werde einfach mit diesem Mädchen reden und...
    Ich stelle die Selbstkastei ein. Wie sie wohl aussieht? Ob sie nett ist? In der Küche ist es stockdüster. Warum interessiert dich das?! Das ist nur irgendsoein Mädchen, das sich auf meine Anzeige gemeldet hat und wenn sie genauso verdorben wie der Rest ist, dann schicke ich sie eben wieder weg! Ganz einfach.
    Plötzlich klingelt es und das Geräusch durchschneidet meine Gedanken wie ein Pistolenknall. Händeringend bemühe ich mich, meine aufgekochten Emotionen unter Kontrolle zu bringen, was zumindest äußerlich einigermaßen funktioniert. Es wird wieder etwas heller in der Woh-nung. Ich gehe zur Tür, die ins Treppenhaus führt. Dann drücke ich auf den Knopf, mit dem kleinen Schlüssel darauf und öffne die Tür.
    Währenddessen schlägt mein Herz so stark und schnell, als würde ich ein Rudel gewaltbereiter Punks auf mich zustürmen sehen, ohne einen Fluchtweg in der Nähe.
    Kurz bleibe ich stehen, schaue die Treppen hinunter und bemühe mich, etwas weniger so aus-zusehen, wie ein arroganter, weltverdrossener Freak. Es bleibt bei dem Versuch.
    Ich entscheide mich um, gehe wieder zurück in die Wohnung und warte in der Küche, die ich extra für diesen Anlass sauber gemacht hab. (Das passiert sonst nicht oft)
    Als ich ein beinahe geflüstertes, unsicheres „Halloo?“ vernehme, rufe ich laut und deutlich zurück: „Ich bin in der Küche, komm rein. Aber schließ die Tür hinter dir!“ Ich selber bleibe wie angewurzelt stehen und bemühe mich um ein Lächeln. Wie ging das nochmal?


    Zuletzt von Lotus am Mi 25 Jan 2017, 19:01 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Sa 21 Jan 2017, 14:30

    Lune:

    Es ist also doch jemand da und ich soll rein kommen. Aber warum macht er denn kein Licht an? Ich drücke die Tür auf und gehe in den Flur. Dort taste ich an der Wand herum und finde schließlich den Lichtschalter. Nichts passiert. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Aus dem Hausflur dringt etwas Licht hinein, sodass ich schemenhaft Möbelstücke erkennen kann. Aber nicht genug. Prompt stoße ich mit dem Fuß gegen eine Kommode. Ich unterdrücke einen Aufschrei und taste mich an der Wand weiter. Wie soll ich denn so die Küche finden?  
    Und dann passiert es: Meine Hand beginnt zu leuchten. Nicht stark, aber ein sachter Schimmer geht von ihr aus. Ich starre sie gebannt an. Dann schiebe ich sie schnell unter meinen Poncho. Das kann ich jetzt nicht auch noch gebrauchen!
    Im Flur wird es allmählich heller. Die Küche ist dann doch recht schnell gefunden, so groß scheint die Wohnung nicht zu sein. Und dann stehe ich ihm gegenüber. Groß, schlank und … dunkel. Ich bleibe in der Tür stehen. Ich kann meinen Blick nicht von ihm lösen. Seine Augen scheinen mich an meinen Platz zu bannen. Ich schlucke und sage dann recht verlegen: „Ehm … Hey, ich bin Lune.“
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Sa 21 Jan 2017, 15:34

    Azrael:

    Warum gehst du ihr nicht entgegen?! Das Licht im Flur funktioniert schon seit Monaten nicht, aber mir fällt das ja nicht auf. Nur für die Küche habe ich neue Glühbirnen gekauft, um... Ja warum eigentlich? Damit es wohnlicher aussieht? Diese ganze Mitbewohnersuche soll einfach so schnell wie möglich wieder vorbei sein, damit ich sie verdrängen und mich wieder meinen Studien widmen kann.  
    Warum gehst du ihr nicht entgegen? Mein Gewissen neigt dazu, sich zu widerholen, wenn ich es ignoriere. Dann höre ich zaghafte Schritte und ein Blinzeln später sehe ich mich der Personifikation des Wortes „Harmlos“ gegenüber. Klein und... leuchtend? Meiner Nervosität bringt das aber nichts.
    Ihr Gesicht wirkt wie das eines Menschen, der oft lächelt, aber momentan steht sie nur wie angewurzelt da und schaut mich aus diesen großen, blauen, unschuldigen Augen an.
    „Ehm... Hey, ich bin Lune.“
    Ihre Stimme ist hell, doch verhalten. Das passt. Irgendwie. Ich höre sie zum ersten Mal, schließlich hat sie mich über WhatsApp kontaktiert. So macht man das heute anscheinend.

    Da steht diese Person, die in so vielen Aspekten nicht in diese Wohnung passt und schaut mich ebenso unsicher wie abwartend an.
    Irgendwas muss ich jetzt sagen. Was wollte ich noch mal sagen, wenn sie da ist? Mein Kopf scheint für einen Augenblick komplett ausgelehrt zu sein.
    „Uhm, hey.“, erwidere ich mechanisch. „Ich bin Azrael.“ Ich deute hinter mich zum Küchentisch.
    „Willst du dich setzten, kann ich dir was anbieten, Wasser, Kaffee, Tee?“ Die Worte sprudeln aus mir heraus wie auswendig gelernte Vokabeln. Unwillkürlich wird mir heiß unter meiner Haut. Ich widerstehe dem Drang, mir wieder gegen die Stirn zu schlagen. Idiot! Freak! Wenigstens laufe ich nicht rot an. Ich kann es einfach nicht mehr. Seit zwei Jahren bin ich leichenblass.



    Zuletzt von Lotus am Do 26 Jan 2017, 12:38 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Di 24 Jan 2017, 16:01

    Lune

    Der Junge scheint genauso nervös zu sein wie ich. Nun gut. Azrael also. Was für ein komischer Name. Wo der wohl herkommt?
    Als er mir etwas in einem Schwung anbietet, den nur so aus ihm heruas zu sprudeln scheint, entspanne ich mich etwas. Er scheint die Situation genauso wenig unter Kontrolle zu haben wie ich. "Nein, danke", sage ich und schüttle dabei leicht den Kopf. Ich mache einen Schritt auf den Tisch zu, bleibe dann aber unschlüssig stehen. "Hm, solltest du mir die Wohnung zeigen? Ich meine, macht man das nicht so? Oder ... willst du mir nicht irgendwelche Fragen stellen?" Ich schaue ihn erwartungsvoll an. Dann murmle ich noch, weil mir nichts besseres einfällt: "Es ist ziemlich dunkel bei dir."
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Di 24 Jan 2017, 17:26

    Azrael:

    „Ja...“, antworte ich und atme tief durch, damit es nicht noch dunkler wird. „Das stimmt. Aber sie macht mir nichts aus.“
    Sie kann ja nicht wissen, dass ich die Dunkelheit nicht sehen kann. Doch ich fasse Mut daraus, dass diese Lune nicht im ersten Moment verängstigt aus der Wohnung gelaufen ist. Vielleicht hat die Sache ja potential.
    „Setz dich erst Mal. Später, wenn du willst, kannst du dich überall umsehen.“
    Bevor ich sie etwas erwidern lassen begebe ich mich zum Küchentisch, setze mich hin mit Blick zur Tür und deute auf den leeren Platz. Das „Verhör“ kann beginnen. Der Punk und der Junkie, die vorher da waren, haben es gar nicht erst so weit geschafft. Aber bei diesen fiel mir der Gedanke sehr leicht, sie rauszuschmeißen. Bei Lune ist das jetzt schon anders. Warum? Weil sie ein Mädchen ist? Ich schaffe das nicht... Doch tust du. Nein, tu ich nicht. Nun mach schon! Ich schließe die Augen und zähle bis drei. Schnell. Damit sie es nicht bemerkt. Hilft nur nichts. Immer noch nervös.
    „Also Lune...“, sage ich, noch bevor sie sich hinsetzt. „Warum suchst du eine WG?“


    Zuletzt von Lotus am Mi 25 Jan 2017, 18:28 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mi 25 Jan 2017, 14:55

    Lune

    Ja, warum suche ich eine Wohngemeinschaft? Ich werfe einen kurzen Blick auf meine Hand. Sie sieht ganz normal aus. Das ist der eigentliche Grund, warum ich wo anders wohnen muss. Damit hat alles angefangen. Aber das kann ich ihm nicht sagen. Ich kenne diesen Jungen ja gar nicht.
    „Ich will mein eigenes Leben anfangen.“
    Ob ich das sage, um ihm zu antworten oder mir das selbst einzureden, weiß ich nicht genau.  Seine Aufforderung, mich zu setzen, ignoriere ich. Ich fühle mich besser, wenn ich stehe. Dann bin ich ihm nicht ganz so ausgeliefert.  Die Dunkelheit lastet mir schwer auf den Schultern. Wenn ich einfach anfange etwas … Belangloses über mich zu erzählen, hört er vielleicht das, was er wissen möchte und ich kann schnell wieder gehen. Ich versuche ruhig zu atmen und die Bedrängnis zu vertreiben.
    „In Ordnung“, sage ich mehr zu mir selbst und schaue ihn dann direkt an.
    „Ich habe angefangen hier zu studieren, Germanistik, vor einigen Wochen. Im Sommer habe ich mein Abitur gemacht. War ganz in Ordnung. Ich habe deinen Aushang in der Uni gesehen und mich bei dir gemeldet. Ich habe nicht mehr viel Zeit zum Umziehen, deshalb wollte recht schnell her kommen. Ich glaube, ich bin ruhig genug, um auf die Beschreibung zu passen. Das ist meine erste WG, nur damit du das weißt. Ich bringe keine Haustiere oder laute Musikinstrumente mit.“
    Ich hoffe, das reicht ihm.


    Zuletzt von Janey am Mi 25 Jan 2017, 20:57 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Mi 25 Jan 2017, 18:50

    Azrael:

    Urplötzlich muss ich lächeln. Den Blick kenn ich. Jedes Mal, wenn ich morgens vorm Spiegel stehe, sehe ich ihn. Irgendwo zwischen Trotz und Verzweiflung. Vielleicht irre ich mich auch. Denn ihre Worte sprechen nicht dafür, dass Lune mir auch nur im  Entferntesten ähnlich sein könnte. Vielleicht lügt sie aber auch. Vielleicht hat sie etwas angestellt und sie musste deswegen von Zuhause weg. Vielleicht sind wir uns doch nicht unähnlich.
    Das sind viele Vielleichts.
    Wahrscheinlicher ist, dass ich zu viel in die Sache hineininterpretiere. Aber dass sie sich meiner Aufforderung widersetzt, macht sie mir sympathischer. Zumindest sympathischer als die grauen Lemminge, die ich sonst alltäglich in der U-Bahn sehe. Das ist zwar nicht schwer, aber ein Anfang. Abgesehen davon haben wir etwas gemeinsam.
    Ich schlage meine Beine übereinander und nehme eine bequemere Haltung ein. Ohne dass ich es wirklich registriere, verzieht sich die Dunkelheit aus dem Zimmer und es nimmt eine fast schon wohnliche Atmosphäre an.
    „Das macht nichts.“, antworte ich, immer noch lächelnd. „Es ist auch für mich das erste Mal, dass ich mir einen Mitbewohner suchen muss.“, gebe ich Preis. „Ich studiere auch hier. Seit drei Semestern. Theologie. Bis jetzt bin ich mit der Miete immer gut zu Recht gekommen. Nun ja. Bis jetzt.“
    Ich schaue ihr zurück in die Augen und bemühe mich, nicht wegzusehen.
    „Aber bis jetzt sind nur schwierige Menschen hier aufgetaucht, die Chaos verbreitet haben oder mich ausnutzen wollten. Verzeih mir also bitte mein Misstrauen.“
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mi 25 Jan 2017, 20:53

    Lune

    Sein Lächeln irritiert mich. Wieso lächelt er denn? Was habe ich denn gesagt? Aber dieses Lächeln schafft auch irgendwie eine Art … Kann man das Verbindung nennen? Er wirkt auf einmal nicht mehr ganz so kühl auf mich. Und täusche ich mich, oder ist es auf einmal heller hier drinnen? Was ist er für einer, wenn er es mit einem Lächeln heller im Raum werden lassen kann? Ach, das ist doch Quatsch! Das muss ich mir einbilden!
    Das ganze hier ist für uns beide neu, wir sitzen also im selben Boot.
    „Hoffentlich gehen wir nicht unter“
    Oh, habe ich das gerade laut gesagt? Mir wird warm. Wie peinlich!
    Ach, auch ein Student. Überrascht mich nicht. Aber Theologie? Die Studenten habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.
    Ach, wenn der nur wüsste, dass ich auch nicht einfach bin. Wenn der nur wüsste, wie anders ich bin und was gerade mit mir vor geht. Wo ich es doch selbst nicht weiß. Wenn er wüsste, wie mein Leben gerade kippt. Umkippt. Und er könnte jetzt ein Teil davon werden.
    „Also dich ausnutzen, steht nicht an erster Stelle meiner Gründe, warum ich hier bin.“
    Ich lächle. Er wirkt auf einmal sympathisch auf mich. Nur sein Blick, lässt mich nervös werden. Unsere Blicken treffen sich. Und dann ist es, als würde er mich berühren, tief drinnen. Als würde er mir auf einmal ganz nah kommen, obwohl zwischen uns der Tisch steht. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen und mir zieht sich die Brust zusammen. Was macht er mit mir? Das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich kann seinem Blick nicht standhalten, ich schaffe es einfach nicht. Ich habe noch nie etwas so intensiv gespürt. Als ich den Blick senke, fühle ich mich zwar immer noch beobachtet, aber das intensive Gefühl hört schlagartig auf. Was war das? Hat er es auch gespürt?
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Mi 25 Jan 2017, 21:32

    Azrael:

    Interessanter Kommentar, ob sie damit wohl auf die Sintflut anspiel...
    Sie errötet ja...
    Ich hatte fast vergessen, wie das aussieht, wenn ein Mädchen errötet...
    Nun gaff doch nicht so!
    Doch es hilft nichts, ich kann mich nicht von dem Anblick losreißen. Nur von dem Anblick? Nein. Ihre Augen... Was ist mit denen? Sie hat blaue Pupillen. Schön, aber nichts Besonderes. Dennoch kann ich mich nicht von ihnen losreißen. Was passiert hier? Unsere Blicke sind wie aneinander festgefroren. Mir wird kalt und heiß. Gleichzeitig!
    Lunes Worte scheinen von ganz weit weg zu kommen. Nur beiläufig registriere ich sie. Hör auf so zu gaffen! Sie geht sonst noch wieder und dann geht der ganze Mist von vorne los, Idiot!
    Aller mahnenden Worte zum Trotz. Wir schauen uns weiter an und sie lächelt. Sie lächelt. Es ist... schön... sie lächeln zu sehen. Irgendwie... Irgendwie hat es dieser Mensch geschafft in den wenigen Momenten, in denen sie in meiner Küche steht, emotional näher an mich heranzutreten, als jeder andere in den letzten Jahren. Und das alles obwohl ich sie doch gar nicht kenne!
    Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Eigentlich müssten jetzt die schwarzen Wolken aufziehen. Schließlich bin ich emotional aufgewühlt, bis zur Grenze des Erträglichen. Das wäre fatal. Alles wäre dann umsonst gewesen, sie würde wissen, dass ich anders bin und ich könnte mich wieder auf Suche begeben. Doch es passiert nichts? Warum?
    Die Welt ist nicht mehr richtig. Sie muss durch Lunes Anwesenheit kaputt gegangen sein.
    Während ich noch meinen Gedanken verfallen bin, bricht sie den Blickkontakt plötzlich ab und hinterlässt mich für den Moment sprachlos.
    Wie lange mochten wir wohl so verharrt sein? Fünf Sekunden? Fünf Tage? Ich weiß es nicht und ich verstehe es nicht.
    „Das, ähm, glaube ich dir.“, hasple ich perplex, aber vollkommen ehrlich. Na toll, du Freak. Jetzt zeig ihr doch noch offensichtlicher, was für ein Versager du bist!
    Ich ringe um Fassung. Setze mich schließlich wieder aufrecht hin und der unbeherrschte Moment ist fast überwunden. Hoffe ich...
    „Wenn du- wenn du willst kannst du einziehen.“, höre ich mich plötzlich sagen. Ich bin nur Zeuge und sehe mir selbst dabei zu, wie ich mich zum Idioten mache. Darum kann dich niemand leiden. Du vermasselst es einfach. Du nichts!
    „S-soll ich dich noch kurz herumführen?“ Meine Stimme kriege ich noch immer nicht unter Kontrolle.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mi 25 Jan 2017, 22:14

    Lune

    Ich bin ganz durcheinander. Wie durch Watte dringen Azraels Worte an mein Ohr. Ich kann einziehen. Ich kann wirklich einziehen? Das wars jetzt? Das hat ihm gereicht, um mich ... ja um mich was denn? Zu mögen? Anzunehmen? Aufzunehmen? Der Moment hat ein komisches leeres Gefühl in mir zurück gelassen, das die Freude dämpft. Ich schaue auf. Er sitzt immer noch da, wie zuvor. Beinahe unverändert. Ich kann nicht erkennen, ob in ihm auch so ein Sturm getobt hat, der bei mir eine Verwüstung zurückgelassen hat.
    Azraels Frage gewinnt in meinem Kopf langsam an Bedeutung. "Rumführen, äh ja. Klar." Ich brabbel mir hier auch was zurecht. Aber was soll ich denn sagen? Es ist mir eigentlich egal, ob er mich herum führt. Es ist mir auch eigentlich egal, wie es hier aussieht. Ich spüre in mir, dass ich einfach nicht nein sagen kann. Dass ich hier bleiben muss. Seine Art fasziniert mich. Ich kann nicht genau sagen, was mich an ihm reizt. Einfach nur seine Augen oder diese negative Art, die von Geheimnissen umwabert wird. Ich nicke abwesend. Wie auch immer er das deuten wird. Er muss mich für ziemlich bescheuert halten. Obwohl, nein, sonst würde er mich wohl kaum hier wohnen lassen. Ich schaue ihn an.
    "Danke"
    Leiser, als ich es sagen wollte. Sein Blick nimmt mir die Stimme.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do 26 Jan 2017, 12:30

    Azrael:

    Ich hatte einst ein ruhiges Leben. Dann habe ich Lune getroffen. Heute ist der Tag. Es ist Samstag, eine Wochen nach unserem ersten Aufeinandertreffen. Zwischenzeitlich haben wir uns zwei Mal getroffen, ohne dass ich ein weiteres Gefühl des Kontrollverlustes erlebt hätte. Mittlerweile schiebe ich meine Gesichtsmuskelentgleisung auf meine Unerfahrenheit mit Mädchen und denke nicht mehr drüber nach.
    Viel öfter hingegen, denke ich heute darüber nach, mir Ohrstöpsel zu besorgen. Momentan zumindest. Eines steht fest: Als Lune mir sagte, sie wäre ruhig... Da hat sie gelogen. Ich sitze gerate an meinem billigen Ikeaschreibtisch, auf meinem billigen Ikeabürostuhl, in meinem billigen Ikeazimmer und versuche ein Referat über die babylonische Sprachverwirrung vorzubereiten.
    Seit-fünf-Stunden!
    Im zwanzig Minuten Takt schnauft Lune mit einer Kiste vorbei und bringt sie an meinem vorbei in ihr Zimmer. Während sie kurz anderthalbstunden fort war, um eine neue Fuhre herbeizuschaffen, habe ich einen Blick riskiert.
    Dort drinnen türmen sich Kartons bis in ungeahnte Höhen. Die will den Turmbau zu Babel nachstellen... Fehlt nur noch die Sprachverwirrung als Strafe Gottes., denke ich und wundere mich, dass mein Humor mich wiedergefunden hat.
    Hätte nie gedacht, dass ein einziges Mädchen so viel Kram besitzen kann. Wie soll das denn alles in ausgepackter Form nachher hier reinpassen? Und vor allem: Wie schafft es dieses kleine, zierliche Mädchen Quadratmeterkartons mit der Aufschrift „Kleiderschrank“ in den vierten Stock zu tragen? Das Mysterium Lune wird von Tag zu Tag größer als alles, was ich je in der Bibel gelesen habe.
    Guck nicht so fatalistisch! Du wusstest, dass es hektisch wird, wenn sie hier einzieht. Leb damit!
    „Leb damit...“, murmle ich vor mich hin. „Leb damit...“
    Ich lasse den Stift fallen, stoße mich von meinem Schreibtisch ab und schaue mich in meinem Zimmer um...
    Alles so... durchschnittlich. Normal gemütlich. Der Norm entsprechend eingerichtet. Zweckdienlich... Wo ist die individuelle Note, die dir Mal wichtig war?
    „Keine Ahnung...“
    Du musst dringend aufhören, mit deinem eigenen Kopf zu reden., grüble ich vor mich hin, während ich einen Karton vom Kleiderschrank herunterhole. Eine Staublawine kommt mir entgegen. Der ist noch von meinem Umzug vor zwei Jahren. Ich hatte nur nie das Bedürfnis, ihn zu öffnen. Ist es, weil Lune hier einzieht?, frage ich mich, öffne den Karton und verteile Poster von Bands und Serien, die ich mal gemocht habe, an den Wänden. Schwarzäugige, blasse Menschen starren mich von allen Seiten an. Fast so wie früher...
    Gerade, als ich das letzte Foto eines jugendlichen Anime-Jungen mit Eyeliner im Tranchcoat aufhänge, höre ich Lunes Schritte die Treppe hinauf kommen und ihren schnaufenden Atem. Warum hat sie mich eigentlich nicht um Hilfe gebeten? Du wirkst nicht wirklich, wie der hilfsbereite Typ, darum.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Do 26 Jan 2017, 22:44

    Lune

    Endlich ist sie wieder weg. Ich habe sie wirklich lieb, aber wenn sie anfängt auf mich einzureden und mich zu bemuttern, dann wird mir die Situation wirklich unangenehm. Sie war es doch, die wollte, dass ich gehe! Sie und Papa! Aber es ist wohl auch besser so. Die letzte Zeit zu Hause, war so befremdlich. Also nachdem sie mir klar gemacht haben, dass ich raus muss. Da hat sie mir das ganz klar und hart gesagt. Sie macht jetzt zwar keinen Rückzieher, aber sie lässt sich schon anmerken, wie sehr sie es mitnimmt, dass ich wirklich ausziehe. Sie hat auf der Fahrt hier her immer wieder nach allem Möglichen gefragt, ob ich alles dabei habe. Und ob ich auch wirklich alles dabei habe. Und ob ich mir da auch ganz sicher bei bin. Ja und wenn schon. Dann hole ich mir den Rest ebenen später noch ab. Ich kann sowieso nicht alles mitnehmen, was sich in den Jahren so angesammelt hat. Die Möbel passen alle gar nicht in das neue Zimmer rein.
    Ich hätte vielleicht früher anfangen sollen, alles einzupacken. Deshalb dauert dieser ganze Umzug auch so lange, weil ich zwischendurch weiter Kisten bepacken muss. Hätte man auch einfacher haben können. Dies ist die letzte Fuhre. Mama war so nett mich zu fahren. Aber mit anpacken, geht natürlich nicht, weil sie gleich weiter muss und ich soll ja sowieso neue Erfahrungen sammeln und das wäre doch ein guter Einstieg in die Selbständigkeit. Die Sachen in den vierten Stock zutragen. Alleine. Wenigstens hat Papa mir beim Abbauen des Schrankes geholfen. Der ist einfach zu hoch für mich.
    Und eben jener Schrank steht in Einzelteilen nun im Treppenhauseingang. Daneben die Bauteile vom Bett und die zwei Teile vom Schreibtisch, säuberlich auseinander geschraubt zum leichteren Transport. Die ganzen Kisten sind schon oben, die waren bei der ersten Fahrt dabei. Nur die zweite Kiste mit meinen Büchern steht noch vor meinen Füßen. Na dann auf in die zweite Runde!
    Ich spüre deutlich, wie meine Kraft langsam aber sicher schwindet. Deshalb fange ich mit den leichteren Teilen an. Die sind allerdings auch unhandlich. Ich nehme die eine Bettleiste unter den linken und die andere unter den rechten Arm und mache mich an den Aufstieg. Schon an der ersten Biegung merke ich, dass leicht nicht gleich einfach ist. Beim Manövrieren stoße ich ungeschickt gegen das Treppengeländer, dass es nur so schallt. Das Geräusch geht mir durch den ganzen Körper und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich muss vorsichtiger sein! Die Bretter und ich schaffen es heil in den vierten Stock. Auf dem Weg in mein Zimmer bleibe ich an der Garderobe hängen und wische dabei meine Mütze vom Hanken. Ich versuche ein Fluchen zu unterdrücken und atme stattdessen nur einmal scharf ein und aus. Die Bretter stelle ich im Zimmer ab, irgendwo, wo ich noch Platz finde und hole die nächsten, bis das Brett in all seinen Einzelteilen oben angekommen ist. Zusammenbauen kommt später. Wenn ich jetzt mit dem Geschleppe aufhöre, fange ich nicht wieder damit an. Und das muss alles heute noch nach oben und der Tag schwindet immer mehr. Ich stemme die Kiste mit den Büchern auf meine Arme und beginne mich nach oben zu bewegen. Wie bin ich nur auf diese völlig bescheuerte Idee gekommen, alle meine Bücher in nur zwei Kisten zu packen? Das ist doch Wahnsinn! „Das ich doch Wahnsinn!“, jammere ich leise vor mich hin.
    Da höre ich Getrampel über mir und bleibe stehen, um über die Kiste lugen zu können. Und dann rennt mich einer voll um und rammt mir dabei die Kiste in den Bauch. Ich schreie auf. Mir rutsch die Kiste aus den Armen und fällt mit einem lauten Knall zu Boden. Und mir auf den Fuß.
    „Ey, kannste nich aufpassn! Was soll‘n die Scheiße man!“, brüllt er mich an.
    Ich starre zu Boden und versuche die aufkommenden Tränen zu unterdrücken.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Do 26 Jan 2017, 23:48

    Azrael

    Lune kündigt ihr Kommen mit eisernen Trommelschlägen an. Durch das Treppenhaus hallen die Geräusche in jede Wohnung des Blockes, wenn jemand an das Geländer stößt. Es ist ein Altbau.
    Jeder Schlag reißt mich aus meiner Arbeit hinaus.
    Laut dem ersten Buch Genesis des Alten Testaments... *DONG!* Äh? Wo war ich? Ach ja: Die Babylonier suchten die Nähe zu Gott und... *DONG!* Uhm... Ihr König... *DONG!* Ihr König... Wie... *DONG!* Wie zum Arschlochfickerteufel hieß er noch mal?! *DONG!* *DONG!* *KRACKS!*
    Ich schlage mit beiden Fäusten auf die Platte meines Schreibtischs und zack, es ist dunkel in meinem Zimmer. Mit übereinandergeschlagenen Beinen drehe ich mich in meinem Bürostuhl um, den festen Entschluss im Schädel, Lune eine Standpauke zu halten und ihr meine Hilfe aufzuzwingen, damit dieser Kindergeburtstag endlich ein Ende hat. So warte ich im Dunkeln darauf, dass ihre Schritte näher kommen.
    Doch als sie durch den Flur schlurft, zweifle ich. Sie kann doch nichts dafür. Auch für dich wäre das eine große Aufgabe, du „Superheld“ und du musstest damals, als du eingezogen bist, nicht einmal halb so viele Sachen tragen. Du hast kein Recht, dieses Mädchen jetzt zu verurteilen.
    Ja. Ja. Ich weiß. Aber diese ganze neue Situation regt mich einfach auf.
    Trotzdem sage ich nichts, als Lune an meinem Zimmer vorbeigeht, auch nicht, als sie in meinem (unseren) Flur ein zweites Sodom und Gomorra veranstaltet.
    Wie kann so ein kleines Mädchen nur so einen Radau veranstalten?
    Ich beiße die Zähne zusammen. Sie geht wieder nach unten. Ich vernehme leichtes Seufzen und Stöhnen.
    Vielleicht kannst du ja auch einmal nett sein...?
    Ich bin unschlüssig. Langsam stehe ich auf und bewege mich beinahe schleichend durch den Flur. (Der wider Erwarten noch intakt ist) Ja... Ich werde meine Hilfe anbieten. Sonst hat dieser Scheiß ja nie ein Ende. Aber wie mache ich das? Was sagt man da?

    Ich komme nicht dazu, mir etwas auszudenken. Plötzlich ist da ein Höllengetöse im Treppenhaus. Lune schreit laut auf. Bevor ich es selber bemerkt habe, bin ich schon losgesprintet. Der Flur zieht an mir vorüber, ich stehe im Treppenhaus und sehe meinen Nachbar. Gregor Müllers. Ein Mann wie ein Bierfass. Groß, stämmig, ungepflegt und mit einer ewigen Fahne.
    Er baut sich bedrohlich vor Lune auf, die mit vertränten Augen inmitten ihrer verstreuten Bücher steht und schreit sie an...
    Er schreit sie an!
    Ich fliege die Treppen hinunter, komme zwischen den Beiden zum Stehen und stoße Gregor in die Wand zu seinem Rücken. Prustend und überrascht aufkeuchend steht der Mann vor mir in seinem verschwitzten dreckigen Unterhemd, unter welchem sich der Bauch hervor wölbt. Erst jetzt meldet sich ein intensiver tumber Schmerz in meinem Knie. Ich muss beim herunterlaufen gegen das Geländer gestoßen sein. Das tut echt weh.
    „Ey was soll’n der Scheiß?!“, brüllt Gregor mich an.
    „Dasselbe könnte ich dich fragen!“, brülle ich zurück. „Was fällt dir ein, dieses Mädchen zu belästigen!“ Es wird dunkler im Treppenhaus.
    „Wenn sie nich‘ aufpasst...“, murmelt Gregor kleinlaut.
    „Schnauze!“, fahre ich ihn an. „Hau jetzt lieber ab, bevor ich dir dein Gebiss in den Rachen stopfe!“
    Das, was mein Nachbar ist, brummt noch irgendwas Unverständliches, schiebt sich dann aber, ohne ein Wort zu sagen, an uns vorbei.
    Ich wende mich zu June um und betaste dabei vorsichtig mein geprelltes Knie.
    „Alles in Ordnung?“, frage ich unsicher.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Sa 28 Jan 2017, 01:59

    Lune

    Ich stehe wie erstarrt und gucke mit geweiteten Augen zu Azrael. Wo kommt der denn so schnell her? Und warum schreit er so? Muss er so schreien? Muss er so laut sein? So ausfallend? Seine Stimme dringt in jede Pore meines Körpers. Ich merke, dass meine Augen feucht sind. Ich schlucke heftig. Mein Fuß sendet ein Pochen empor. Mir ist flau im Magen. Ich möchte etwas sagen, doch meine Kehle ist wie zugeschnürt. Deshalb nicke ich nur als Antwort. Gut, dass wenigstens der andere Typ weg ist. Wo auch immer der auf einmal hergekommen ist. Das ging alles so schnell. Ich atme tief durch.
    „Wer war das?“
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Sa 28 Jan 2017, 16:29

    Azrael:

    Dieser minderwertige Scheißkerl... In meinem Kopf fährt ein Film, in dem ich den Schädel dieses Wutbürgers mit einen Baseballschläger zertrümmere. (Wo auch immer ich den her habe)
    „Gregor.“, sage ich leise. „Gregor Müllers. Mein... unser Nachbar. Der ist eigentlich harmlos, doch wenn er mal nicht damit beschäftigt ist, an den Wänden seines Hauses Hackenkreuzfahnen aufzuhängen, belästigt er öfter mal die Anwohner... Aber mach dir keine Sorgen.“, füge ich auf Lune erschrockenen Blick noch hinzu. „Wie sind schon einmal aneinandergeraten, als ich hier eingezogen bin. Das ging nicht gut für ihn aus und seitdem hat er Angst vor mir. Er wird dich wahrscheinlich in Ruhe lassen.“
    Dann mache ich mich auf und fange an, die ersten verstreuten Bücher wieder zusammenzusammeln.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mi 01 Feb 2017, 20:53

    Lune

    Ich bin immer noch schockiert, wegen Azraels plötzlichem Auftauchen und seiner unerwarteten Aggression. Wo kam die denn auf einmal her? Ich hätte nicht gedacht, dass er so aufbrausend werden kann. Mich nimmt das ziemlich mit. Ich bin einfach nicht der Typ für sowas.
    Ich realisiere, dass Azrael meine Bücher zurück in die Kiste legt. Da überkommt mich die Sorge um meine Schätze und ich bücke mich ebenfalls. Ganz vorsichtig hebe ich eines nach dem anderen auf und lege es behutsam zu den anderen. Das Pochen im Fuß nimmt langsam ab, ich habe es beinahe vergessen.
    Beherzt greife ich nach dem letzten Buch. Strom durchfährt mich. Ich bin nicht die Einzige, die ihre Hand danach ausstreckt.


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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Mi 01 Feb 2017, 21:27

    Azrael:

    Geistesabwesend sammle ich die zerstreuten Bücher ein, um mich selber zu zerstreuen. Es darf nicht passieren, dass mich die Wut so übermannt, nicht hier, nicht jetzt. Lune darf es nie erfahren.
    Hoffentlich hat sie nicht bemerkt, dass es im Flur deutlich dunkler geworden ist, während ich den Fettwanst zusammengefaltet habe. Langsam wird es nun wieder heller. Ich schaue aus dem Fenster hinaus und stelle beruhigt fest, dass es heute bewölkt ist.
    Eine Wolke hat sich vor die Sonne geschoben., lege ich mir geistesabwesend eine Erklärung zu Recht, während ich mit der Hand nach dem letzten Buch greife.
    Doch meine Finger schließen sich um etwas, was sich viel weicher und wärmer anfühlt, als ein Buchrücken...
    Irritiert schaue ich nach vorne... direkt in Lunes erschrockenes Gesicht. Sofort schießt mir das Blut in den Kopf und ich laufe unsichtbar rot an. Meine Hand ruht auf ihrer. Wir knien voreinander und keiner macht die Anstalt seine Hand zurückzuziehen.
    „Ich, ähm...“, alle meine Gliedmaßen stehen unter Strom. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Die Welt ist kaputt. Meine Hand hängt an ihrer weichen Haut, als wäre sie Sekundenkleber. Lune hat die Welt kaputt gemacht. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Warum sagt sie nichts? Die Welt ist kaputt. Warum macht sie nichts?
    Sie hat Angst vor dir! Bemerkst du das nicht?! Du bist ein zurückgezogen lebender Punk mit Aggressionsproblem und du belästigst dieses arme unschuldige Mädchen. Natürlich hat sie Angst vor dir! Freak!
    Es gelingt mir nun doch unter immenser geistiger Anstrengung, mich von Lune loszumachen. Ich verstehe die Menschen nicht, kann also an ihrem Gesicht auch nicht ablesen, was sie denkt und fühlt...
    „Entschuldigung.“, murmle ich kleinlaut, packe das letzte Buch in die Kiste und wende mich ab, um sie kommentarlos nach oben zu tragen...
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mi 01 Feb 2017, 21:58

    Lune

    Ich schaue Azrael nach. Was war das da eben schon wieder? Meine Blicke bleiben an seinem Rücken hängen. Stufe um Stufe steigt er nach oben.Und mein Blick mit ihm.
    Meine Hand ist noch warm, wo er sie berührt hat. Ich schaue nach unten. Und da ist es wieder, dieses ungleichmäßige Schimmern. Ich starre gebannt, bis es langsam schwächer wird und erlischt. Ich verstehe das nicht.Ich drehe meine Hand in alle Richtungen, doch der Lichtschein ist so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen ist. Ich blinzle heftig. Wenn das in letzter Zeit nicht schon öfter vorgekommen würde ich denken, ich habe mir das nur eingebildet. Aber ich weiß, dass es nicht so ist. Hoffentlich hat Azrael nichts davon bemerkt!
    Ich sollte besser nach oben gehen, nicht dass er sich noch fragt, wo ich bleibe.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Mi 01 Feb 2017, 23:02

    Azrael:

    Ein paar Tage sind ins Land gegangen. Die Sache mit dem Einzug ist ein Einzelfall geblieben. Lune hat sich als ein wahrer Magnet für Chaos herausgestellt, doch sie wirkt so halt und planlos, dass ich ihr deswegen nicht böse sein kann.
    Ich kenne Menschen, die mehr schuld daran sind, wie sie einem auf die Nerven gehen. Jedenfalls ist es keineswegs einfacher geworden. Da ist immer noch diese unerklärlich Spannung, wenn ich Lune ansehe. Ich habe keine Worte dafür, außer vielleicht: Es macht mir eine Scheißangst. Weil ich diese Sache nicht unter Kontrolle habe.
    Unsre Tagesabläufe überschneiden sich allerdings kaum. Zum Glück, könnte man sagen. Während ich noch schlafe, ist sie schon lange auf dem Weg zu ihren ersten Vorlesungen und während ich abends noch unterwegs bin, liegt sie schon schlafend im Bett.
    Beim nach Hause kommen bin ich schon immer leise gewesen. Doch es jetzt für jemand anders zu sein, fühlt sich merkwürdig an...

    Aber das ist nichts Neues. Diese ganze Stadt fühlt sich merkwürdig an. Die ganze Welt.
    Eine elektronische Stimme reißt mich zurück in den Alltag. Meine Station ist da. Ich steige aus, gemeinsam mit Anzugmarionetten und Porzellanmenschen. Ein kleiner, unbedeutender Flecken Schwarz in einer Masse Grau in Grau. Mich dürstet es danach dem Mann neben gegen das Jackett zu kotzen, nur um zu sehen, wie seine Welt zusammenbricht. Als würde es darum gehen. Doch wer bist du zu sagen, dass du weißt, worum es geht?!
    Mir egal. Ich muss auf zu meiner Fakultät. Theologie. Ich suche nach Antworten, die jenseits der Grenzen des Betons liegen.
    Dort angekommen setze ich mich mit abstoßenden Menschen in ein Seminar und höre einem alten, gebrechlichen Mann dabei zu, wie er mäßig interessant einen Stoff widergibt, der schon vor Wochen seinen Reiz für mich verloren hat.
    Auch er hat keine Antworten. Oft erscheint mir meine Suche sinnlos, doch wenn sie aus meinem Leben verschwindet, bliebe nur noch der Hass übrig...
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mo 06 Feb 2017, 22:02

    Lune

    Ich räume meine Sachen zusammen und lasse mich von dem Pulk aus dem Vorlesungssaal tragen.
    „König Arthus hat es also wirklich gegeben …“
    Ich murmle vor mich hin und bemerke gar nicht, dass Amanda stehen geblieben ist. Ich laufe gegen sie. Sie dreht sich um und schaut mich irritiert an.
    „Oh, tut mir leid!“
    Ich trete rasch einen Schritt zurück. Amanda lacht nur.
    „Wo bleibst du denn? Ich dachte, du wolltest die frühe Bahn noch bekommen?!“
    Sie hakt mich unter und wir gehen zusammen weiter. Komisch, ich dachte, diese Sache mit der Tafelrunde wäre nur eine schöne Geschichte, ohne dass sie einen großen Realitätsbezug hätte.

    Die Treppenstufen ächzen noch immer unter meinen Schritten. Ich mag dieses Geräusch, es beginnt sich nach Zuhause anzuhören.
    Amanda fand die Geschichte um Arthus aus den Romanen nicht so spannend. Sie hat  während der Vorlesung mit ihrem neuen Flirt geschrieben und ist letztendlich eingeschlafen.
    Ich schließe die Tür der Wohnung auf, hänge meinen Poncho an die Garderobe und stelle meine Schuhe dazu. Mein Zimmer ist inzwischen recht gemütlich. Es steht zwar noch immer ein Karton an der Wand, der noch nicht ausgepackt ist, aber die Möbel sind fertig zusammengebaut und der Teppich ist ausgerollt. Ich vergrabe meine nackten Füße in den Fransen und spiele mit den Zehen darin. Dann öffne ich das Fenster und atme die kühle Luft ein. Es dämmert bereits und der Mond ist schon zu sehen. Er leuchtet so schön. Ich sollte nochmal raus gehen.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Mo 06 Feb 2017, 22:07

    Azrael:

    Die restliche Sonne verging ereignislos. Will heißen, es ist nichts Überraschendes passiert und alles ist grau geblieben. Alles, was die Menschen tun, wirkt so unmotiviert, unlogisch, unfüllend, doch ergibt in ihrer eigenen Welt sicherlich Sinn. Interessiert mich nur nicht, weil ich sie alle hasse.
    Aber wenigstens ist es jetzt dunkel. Das macht die Großstadt etwas erträglicher. Ich gehe vorbei an zerfurchten, beschmierten Wänden in einem Problemviertel. Doch selbst etwas so hässliches kann in der Dunkelheit schön aussehen. Kann. Du hast doch schon lange keine Augen mehr für das Gute im Leben.
    Vielleicht hast du Recht. Aber ich sollte die Selbstgespräche lassen. Ich habe jetzt eine Mitbewohnerin...
    Ein bulliger Typ kommt vor mir um die Ecke, rumpelt mich beinahe um und für einen Moment stehen wir voreinander und funkeln uns an. Dann knurrt er irgendetwas unverständliches, schiebt sich an mir vorbei und ist verschwunden.
    Merkwürdig, normalerweise sind die Leute hier doch immer auf Streit aus. Jede Gelegenheit wird genutzt, um ein bisschen Dampf abzulassen. Ich weiß das.
    Gedankenverloren biege ich um die Ecke und befinde mich in einer schmalen Gasse, in der außer ein paar Mülltonnen und deren Gestank nicht viel ist und die deswegen auch nur wenig Beachtung findet. Die paar Leute, die sie durchqueren, huschen schnell hindurch, ohne sich umzuschauen, besonders abends. Das habe ich selbst ausgekundschaftet.
    Darum ist hier auch der perfekte Ort für mein Geheimversteck.

    Ich bücke mich und ziehe einen losen Ziegel beiseite, um in den kleinen Hohlraum dahinter zu greifen. Jetzt wo ich nicht mehr alleine lebe, kann ich das nicht mehr in meiner Wohnung aufbewahren...
    Doch meine Hand greift ins Leere...
    „Suchst du vielleicht das hier?“, verhöhnt mich eine hohe Stimme.
    Ich fahre herum und blicke in das Gesicht eines kleinen, hageren Mannes. Seine Gesichtszüge sind kantig und zu einem überheblichen Grinsen verzogen. Er trägt einen schlecht sitzenden Anzug und ach...
    Er richtet meine eigene Pistole auf mich...
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mo 06 Feb 2017, 22:36

    Lune

    Ich habe einen Park gefunden, gar nicht weit von unserem Haus. Ich breite meine Wolldecke auf dem Grass aus und lege mich darauf. Der Himmel ist klar, es ziehen nur vereinzelte Wolken umher. Die Wegbeleuchtung ist schlecht genug, um die Sterne am Himmel sehen zu können. Die Laterne links von mir ist sogar ganz ausgefallen. Das Sternenlicht beginnt sich zu bewegen, wie in einem von Van Goghs Bildern. Es zieht Spiralen um sich herum und verwebt sich ineinander. Der Park ist beinahe leer, die Leute mit ihren Hunden sind schon lange gegangen.
    Ich fühle mich wohl. Der Nachthimmel heißt mich willkommen und schickt mir Träume vom Glück. Mit ihm fühle ich mich nicht mehr verloren. Ich brauche ihn. Ich brauche seine Freiheit.
    Nach langer Zeit schleicht sich die Kälte durch die Decke in meinen Körper. Ich stehe langsam auf, falte die Decke wieder zusammen und gehe durch den Park zurück nach Hause.
    Vor der Tür schaue ich ein letztes Mal nach oben und atme tief ein, als könnte ich so all dies in mir aufnehmen.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Lotus am Mo 06 Feb 2017, 22:47

    Azrael:

    „Hallo Rat.“, sage ich und umrunde den Ganoven. Langsam. Ein Schritt nach dem anderen, bis ich vor ihm in der Mitte des Gasse stehe. Weg von der Wand. Ich lasse mich nicht in die Ecke treiben.
    Zwei bullige Männer treten zu uns. Einer baut sich schützend hinter Rat auf. Es ist der Stiernacken, mit dem ich zuvor zusammengestoßen bin. Hinter mir steht noch einer und schneidet mir den Weg ab.
    Das Lächeln auf dem spitzen Gesicht des Mannes wird noch ein bisschen breiter. Er deutet auf meine Waffe in seiner Hand.
    „Keine Kugeln.“ sagt er anerkennend. „Hast sie entfernt, bevor du sie versteckt hast. Hm? Ich hätte dir so viel Intelligenz gar nicht zugetraut, mein lieber Azrael.“
    „Tja. So bin ich. Ich stecke voller Überraschungen.“, entgegne ich trocken. „Aber das Ding war noch nie geladen. Ich besitze nicht Mal Munition.“
    „Und das sollen wir dir glauben?“, grunzt der Stiernacken hinter mir.
    „Glaubt was ihr wollt!“, spucke ich aus. „Das Teil ist nur zur Abschreckung. Oft ist es schon völlig ausreichend, den Leuten genug Angst zu machen. Aber das brauch ich euch Schutzgelderpressern ja nicht erzählen.“
    „Durchaus nicht.“, entgegnet Rat. Wenn er noch breiter Grinst, reißt sein Gesicht in der Mitte durch. Er lässt die Waffe sinken und holt einen Zettel aus der Anzugtasche.
    „Aber so sehr ich unsre Schwätzchen auch genieße, mein Freund, muss ich mich doch leider kurz fassen: Du musst etwas für mich tun.“
    „Ich arbeite nicht mehr für dich, Rat!“, rufe ich und balle die Fäuste. Es wird dunkler.
    „Denk erst mal darüber nach, was ich alles über dich weiß.“, zischelt mein Gegenüber verstohlen. „Ich kenne Leute, die viel Geld bezahlen würden, um den „Geist“ in ihre Finger zu kriegen. Und ich rede nicht nur von der Polizei. Auch einige „Kollegen“ würden nur zu gerne erfahren, wer da nachts die Straßen unsicher macht und ihre Jungs aufmischt.“
    Meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen. Das sollte alles hinter mir liegen...
    Ich greife nach dem Zettel.
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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

    Beitrag von Janey am Mo 06 Feb 2017, 23:37

    Lune

    Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und putze gedankenverloren meine Zähne. Ich habe mich schon umgezogen. Meine kurze Shorts und mein Top sind mir zum Schlafen lieber.
    Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,/wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
    In meinem Kopf hat der Anfang von Rilkes „Der Schutzengel“ ein Lager aufgeschlagen. Ich habe ihn im Seminar gelesen und es ist Aufgabe, weiter an ihm zu arbeiten.
    Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen/ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief
    Ich finde das Gedicht recht düster, doch es hat auch etwas anderes tiefer in sich. Ein Gefühl, das sich in diesem Moment noch nicht greifen lässt.
    Ich schaue währenddessen mein Spiegelbild an, ohne viel zu sehen. Doch dann bemerke ich etwas und mein Blick wird wieder scharf. Da ist ein Glitzern. In meinem Auge. Ich beuge mich näher heran und sehe eine Träne. Das Gedicht muss mich doch mehr berührt haben, als ich dachte. Und diese eine Träne, sie glitzert. mehr als nur eine Reflektion. Ich würde beinahe sagen, sie leuchtet. Ich greife um den Türrahmen herum und schalte das Licht aus. Und tatsächlich: Ich sehe gerade noch, wie der kleine Tropfen an meiner Wange herunter rinnt und dann verschwindet. Er lässt eine dünne Spur zurück, die langsam verglimmt. Ich starre sie an. Als ich sie berühren möchte, ist sie bereits verschwunden.

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    Re: Wo Licht ist, ist auch Schatten (Lotus & Janey)

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