von Salissa am Mo 08 Sep 2008, 11:07
1. Teil: Wenn doch nur ...
Seltsam. Wie konnte sie ein Teil der Masse sein,umgeben von Hunderten von Menschen, und sich dabei doch so isoliert fühlen?
"Entschuldigen Sie bitte," murmelte Leona. Die ältere Dame vor ihr drehte sich noch nicht einmal zu ihr um. Hatte sie nicht bemerkt, dass Leona sie versehentlich angerempelt hatte? Wahrscheinlich nicht. Die zahlreichen Attraktionen des Herbstfestes zogen die Aufmerksamkeit aller auf sich, stellten sie doch eine angenehme Abwechslung vom sonstigen Kleinstadtalltag da. Und die Menschen ihrer Stadt begaben sich in den Trubel, als seien sie froh darüber, dem Alltagsleben zu entkommen, auf der Flucht vor ihrem Leben wie Motten vor dem Licht ...
"Lass das, Leona."
Mutlos bahnte sie sich ihren Weg durch die fröhlich feiernde Menge. Wieder einmal war sie in ihrer Grübelei versunken. Warum konnte sie nicht wie all die anderen sein und sich an diesem besonderen Tag freuen? Wie gerne sie die verlockenden Düfte der Imbissbuden, die Live-Musik und die kuriosen Angebote auf dem Flohmarkt genießen würde! Einfach lachen und glücklich sein, ein Teil des Festes, der Gemeinschaft. Voller Wehmut betrachtete Leona die Menschen um sich herum. Sie konnte deren Freude verstehen, aber nicht selber empfinden. Stets hielt sie ihre Nachdenklichkeit ab und anstatt so unbeschwert wie ihre Freundinnen zu sein, versank sie in Melancholie und immer neuen Überlegungen über die Welt um sich herum. Es war ... nervtötend. Deprimierend, selbst wenn sie als Ausgleich dazu ein besonderes Talent besaß. Sie sollte wieder nach Hause gehen, denn hier gehörte sie offensichtlich nicht hin.
"Hast du keine Augen im Kopf?"
Empörte Stimmen waren zu vernehmen, als Leona plötzlich kehrt machte und sich in entgegengesetzter Richtung zur Menge bewegte.
"Verzeihung, tut mir leid ..."
Warum hatte sie nur das Gefühl, immer gegen den Strom zu schwimmen?
Leona nahm einen großen Schluck und genoss den süßen Geschmack auf ihrer Zunge. Ein Lächeln breitete sich in komischer Verzweiflung auf ihrem Gesicht aus. Keinen der Menschen, die ihr nahe standen, würde es wundern sie hier so zu sehen: an ihrem Schreibtisch, umgeben von einem Chaos aus Papier und Stiften und einer Tasse heißer, weißer Schokolade. Sie liebte ihren Schreibtisch, schließlich war das Möbelstück nicht nur sehr alt und stilvoll, sondern auch ein Geschenk ihres geliebten verstorbenen Großvaters. Wie viele Geschichten und Gedichte sie hier schon verfasst hatte! Mit einem leisen Anflug von Stolz musterte Leona ihre Aufzeichnungen. Viele ihrer ehemaligen Lehrer hatten ihr schon gesagt, dass sie großes Talent besaß, einige ihrer früheren Mitschüler beneideten sie und sie hatte schon so einige Schreibwettbewerbe gewonnen. Mühelos. Großartig, oder? Nicht ganz.
Als sie das Licht ihrer kleinen Schreibtischlampe einschaltete, bildeten sich die gewohnten Sorgenfalten auf Leonas Stirn. Sie müsste lügen, wenn sie sagen würde, dass all das Lob ihr nichts bedeutete. Es war schön, von den anderen geschätzt und respektiert zu werden wegen ihrer besonderen Begabung. Doch ihr Talent hatte seinen Preis.
Müde erhob sich die junge Frau von ihrem Platz. Die schönsten Momente konnte sie nicht genießen, ohne in ihre melancholischen Überlegungen zu versinken, ohne darin unterzugehen. Der Preis für ihre wunderschönen Gedichte und ihre tiefsinnigen Geschichten war diese allgegenwärtige Traurigkeit.
Warum konnte sie nicht einfach etwas von Wert schreiben, ohne dafür die Welt aus ihrem sehr speziellen Blickwinkel sehen zu müssen? Sie sehnte sich nach Einfachheit und Zufriedenheit, danach, die Dinge zu erfassen, ohne sie gleich zu durchschauen. Wenn ihr jemand diesen Wunsch erfüllen könnte ..
Zuletzt von Kaya am Mi 17 Sep 2008, 14:36 bearbeitet, insgesamt 2 mal bearbeitet